Neue Herrin in der Burg

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Andrea Gronemeyer ist die neue Intendantin des Münchner Kinder- und Jugendtheaters Schauburg. Im Interview spricht sie darüber, wie man Kinder ins Theater bekommt, über die Freiheit, nicht aufs Geld schauen zu müssen und den Umgang mit schlechter Kritik.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

 

Es kursiert die Meinung, Smartphones und Spielekonsolen machen Kinder dumm und unkonzentriert. Und ins Theater gehen sie sowieso nicht mehr.
Andrea Gronemeyer: Dem würde ich eifrig widersprechen. Wenn Kinder Computer spielen oder einen Film schauen, konzentrieren sie sich ja – sogar stundenlang. Man kann Kinder nicht von Digitalisierung fernhalten. Es ist auch nicht sinnvoll. Wer weiß schon, in welchen Kunstformen sich das Digitale noch erheben wird. Die Frage ist doch eher: Kann etwas ihr Interesse wecken? Von der ersten Sekunde ihres Lebens nehmen Menschen wahr, vielleicht sogar schon im Mutterleib. Die Wahrnehmung von Kunst sollte so früh wie möglich eine Alternative sein. Dann werden sie sich schon selbst entscheiden.

Warum eignet sich das Theater dafür besonders?
Weil es schön ist, etwas gemeinsam zu erleben. Ich bin umgeben vom anderen Publikum, und die Künstler sind auch noch im Raum. Das ist eine Besonderheit des Mediums Theater. Dieses gemeinschaftliche Erlebnis sollte als Lust erfahren werden.

Und sollte es nicht auch legitim sein sagen zu dürfen, dass mich etwas nicht fesselt?
Jeder hat nun mal unterschiedliche Präferenzen. Ich will Kinder gar nicht dazu erziehen, ins Theater zu gehen oder Abonnent zu werden. Ich will ihnen die Welt der ästhetischen Wahrnehmung und Kommunikation eröffnen. Vielleicht gehen manche nach einem Theaterbesuch später lieber ins Museum, besuchen Konzerte für Neue Musik oder lesen Kleist. Damit kann ich leben.

Das ist ein sehr freier und von allen wirtschaftlichen Zwängen unabhängiger Gedanke.
Diese Freiheit haben wir als städtisches Theater – glücklicherweise. Diese erlaubt uns, nicht effizient arbeiten zu müssen. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass Leute kommen, aber eben keine Gewinnmaximierung erzielen. Diesen wunderbaren Freiraum, den unser Kultursystem uns gibt, kann man gar nicht hoch genug schätzen.

Kann man ihre Art des Theatermachens als „pädagogisches Theater“ bezeichnen?
Leider ist das Wort „pädagogisch“ sehr negativ behaftet, obwohl es nur bedeutet, dass man sich dem Kind zuwendet. Aber ist es nicht so, dass wir alle immer weiterlernen? Allein durch die Herausforderungen, denen wir uns stellen, wenn wir etwas Fremdem begegnen. Wir setzen uns damit auseinander. Wir nehmen etwas für uns mit. Der Prozess bleibt immer der gleiche – im Kindertheater wie auch im Erwachsenentheater.

Warum nehmen wir Kinder dann nicht gleich mit zu Ibsen oder Shakespeare?
Kinder sind auf keinen Fall zu dumm. Sie hören und sehen besser als Erwachsene. Sie können viel besser mehrere Dinge gleichzeitig machen, nehmen ihre Umgebung besser und genauer war.

Aber?
Sie haben noch keine Erfahrungen. Es fehlen ihnen die Referenzsysteme. Gerade die Kunst referiert ja ständig. Auf die Natur, die Gesellschaft oder Zwischenmenschliches. Und in hohem Maße referiert Kunst auf andere Kunst. Allem voran die Theaterkunst: Es gibt nichts Selbstreferentielleres. Im Kinder- und Jugendtheater sammeln sie diese Erfahrungen.

Und Erwachsene verfügen über diese Referenzsysteme?
Auch nur begrenzt, je nachdem, aus welcher Erfahrungswelt sie stammen. Ein Asiate hat andere Referenzsysteme als ein Europäer. Ein Hochschulprofessor andere als ein Lagerarbeiter. Wobei ich die unterschiedlichen Erfahrungen niemals bewerten würde.

Warum ist es so schwer, Kinder ins Theater zu bekommen?
Ich würde behaupten, wir haben es leichter als die Erwachsenentheater. Weil: Jeder kann zu uns in die Vorstellung kommen. Wir spielen oft vor Schulklassen. Da sitzen sie dann tatsächlich alle. Kinder aus allen Stadtteilen und Schularten, mit unterschiedlichen kulturellen und Bildungshintergründen.

… und unterwegs gehen sie dem Theater als Erwachsene verloren.
Als Theater muss man die Menschen wirklich erreichen wollen. Man muss sehr viel tun, damit diese überhaupt kommen. Dann müssen sie auch noch das Gefühl haben, das, was hier veranstaltet wird, hat auch etwas mit uns zu tun.

Gibt es eine Lösung dafür?
Zwei Punkte gibt es zu beachten: Wie öffentlich mache ich Theater für Mitbürger mit unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründen? Bietet unser Programm überhaupt das an, was die Leute bewegt?

Was bewegt die Kinder und Jugendliche in München?
Es gibt anthropologische Konstanten wie die Pubertät. Die erzeugt überall auf der Welt die gleichen Schwierigkeiten. An die München-Themen tasten wir uns gerade heran. Ich denke sofort an Armut, Reichtum und Schichtunterschiede. Was bedeutet es, in einer Stadt wie München kein Geld zu haben? Was ist mit emotionaler Verwahrlosung in einem wohlhabenden Elternhaus? Was auch sehr besonders ist: 55 Prozent der Kinder hier haben einen Migrationshintergrund.

Es geht ihnen also mehr um die Lebenswirklichkeit der Kinder als um einen bestimmten Bildungskanon im Kinder- und Jugendtheater?
Der verstaubte Gedanke eines Bildungskanons besagt ja nur: Ich beschäftige mich mit Literatur, Kunst oder Theater, weil man sich auskennen muss. Kulturelle Bildung bedeutet für mich, dass ich Kunst und die Umwelt dechiffrieren lerne. Viel interessanter ist es doch, zu schauen, was Goethes „Faust“ noch mit uns zu tun hat.

Das Nationaltheater Mannheim, von dem Sie kommen, spielt noch immer den „Faust“, für den der Regisseur Jan Friedrich 2017 für den gleichnamigen Theaterpreis nominiert war. Hat da alles so funktioniert, wie Sie sich das dachten?
Als wir damals mit den Arbeiten begannen, wusste Jan Friedrich selbst noch nicht, in welche Richtung es gehen soll. Zuerst dachten wir an das Motiv des Rausches. Wir wollten das sehr Berghain-mäßig aufziehen. Faust ist ja eigentlich ein Partymensch. Der will alles haben und stürzt sich von einem Rausch in den nächsten. Erst im Kerker will er sich von Mephisto lossagen, weil er spürt, dass es da noch etwas anderes geben muss.

Warum doch kein Berghain-Faust?
Irgendwann wurde die Gretchen-Figur so spannend, dass der Mannheimer „Faust“ ein Genderstück wurde. An Gretchen lassen sich sämtliche Fragen der feministischen Kulturtheorie abarbeiten, die heute aktueller denn je sind: Was heißt es, ein Mädchen zu sein, schön zu sein? Angehimmelt zu werden? Mit einem Mann zusammenzusein? Gretchens Vorstellung von Frau-Sein zerbröckelt und stürzt sie in eine Krise. Ein Mega-Emanzenstück, wenn man so will.

Die 27 Jahre, in denen George Podt und Dagmar Schmidt die Schauburg geprägt haben, gehen nicht spurlos an einer Stadt und einem Publikum vorbei. Was machen Sie, wenn Sie mit ihrem Konzept von partizipativen, interdisziplinären, offenen Theater scheitern?
Mit jedem Intendantenwechsel denken alle erst einmal: Oh Gott, was kommt jetzt? Ich werde nicht den Untergang des Abendlandes an der Schauburg einläuten, nur weil ich auch Stücke für jüngere Kinder mache. Über nichts lässt sich eben so trefflich streiten wie über Kunst.

Erinnern sie sich an eine schlechte Kritik und ihre Reaktion?
Die war von einem Mannheimer Kritiker. Der sagte über eine Inszenierung, sie sei gut, aber das hätte man von der Gronemeyer schon tausendmal so gesehen. Was war ich wütend und bin wie ein Männchen durch mein Büro gerannt. Das saß wie ein gewaltiger Stachel in meinem Fleisch. Damals hat mich das wirklich dazu gebracht darüber nachzudenken, ob ich nicht doch mal wieder etwas riskiere und etwas Neues ausprobiere.

Kinder sind das kritischste Publikum überhaupt. Können Sie das bestätigen?
Kinder sind nicht kritisch. Sie sind aber ein sehr ehrliches und unmittelbares Publikum. Man spürt sofort, wenn sie sich langweilen oder wenn sie nichts verstehen.

Sie erziehen sie also erst zu einem kritischen Publikum heran?
Qualitätsbewusstsein kommt nur durch viel Gucken, Vergleichen und Auseinandersetzung mit der Kunst. Der Cartoonist und Autor F. K. Waechter hat mal gesagt, dass man Kinder auch mit Schrott bekippen könne, und die fänden das toll. Das stimmt leider auch. Kinder lieben Klamauk, Kitsch und Schadenfreude. Aber was will man denn damit vermitteln? Wenn sie ein Kind fragen, was es am liebsten isst, dann wird es ihnen immer antworten: Fischstäbchen oder Pizza.

Das klingt nach Arbeit sowohl für sie als Macher als auch für die Kinder.
Es ist doch auch gut, entdecken zu dürfen, dass es nicht immer sofort zünden muss, sondern ruhig einen Moment brauchen darf. Mit dem Kindertheater verhält es sich letztlich nicht anders als mit einem Dostojewski-Roman. Wenn ich nicht weiß, dass ich die ersten 50 Seiten überwinden muss, dann verpasse ich die größte Literatur der Welt.