Kein besser Gewürz als Neid

Die Premiere von „Volpone“ im Münchner Volkstheater endet mit einem Blick in die Schatzkiste und einem tosenden Applaus im Zuschauersaal.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Volpone solle in einem prunkvoll eingerichteten Zimmer eines venezianischen Palazzos residieren, lautet Stefan Zweigs Regieanweisung für sein Stück „Volpone“ von 1926. Stattdessen präsentiert der Regisseur Abdullah Kenan Karaca zusammen mit dem Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch im Münchner Volkstheater einen spärlich ausgestatteten Raum mit blassblau gestrichenen Wänden. In der Mitte steht ein Bett, das im weiteren Verlauf einen dauer-röchelnden, vermeintlich todkranken Volpone beherbergen wird. Um ihn herum: Sträuße aus weißen Chrysanthemen, symbolische Todesboten und Omen für die geheuchelte Krankheit Volpones und die geheuchelte Kondolenz seiner Mitbürger.

Volpone, ein reicher und in der Person Silas Breidings äußerst junger Edelmann ohne Familie und damit ohne natürliche Erben, lässt über seinen Diener Mosca das Gerücht verbreiten, er sei sterbenskrank. Er wettet darauf, die Habgier seiner Mitbürger zu entzünden, ließe er sie glauben, mit ihm ginge es zu Ende. Der Geruch des Geldes mache sie trunken, die Menschen bräuchten nur daran zu riechen, schon kämen sie aus ihren Ecken gekrochen, verspricht er seinem Untertan. Silas Breiding, kreidebleich geschminkt und mit tiefschwarzen Schatten unter den Augen, trägt Unterhemd, prunkvollen Schlafmantel und ein güldenes Kettchen um den Hals. Der Schlüssel zu Volpones Schatztruhe. Ein Bunker für sein Gold und Geld, nach welchem die Erbschleicher Voltore, Corbaccio, Corvino und Canina lechzen. Ihre Namen sind italienische Tiernamen, bedeuten Geier, Habicht, Krähe und Hund.

Volpone selbst ist der Fuchs, doch Silas Breiding spielt ihn wie eine Schlange. Er zischt und schleicht geduckt über die Bühne, reißt das Maul weit auf und bekommt den Hals dennoch nicht voll. Er ist lüstern nach Vergeltung, labt sich an dem eigenen boshaften Vergnügen und der Habgier anderer. Sein Diener Mosca, die Schmeißfliege, ist Verbündeter der Intrige.

Mosca, gespielt von Jakob Immervoll, ist es auch, der sich zum wahren Protagonisten etabliert. Er spinnt ein Netz aus Lügen und hält die Fäden in der Hand, er überredet die Erbschleicher zu Geschenken, macht ihnen Hoffnungen darauf, im Testament Volpones bedacht zu werden, und ist es am Ende selbst, der mit vollen Taschen dastehen wird.

Corvino, gespielt von Jonathan Hutter, ist sogar bereit, Volpone seine Frau Colomba für eine Liebesnacht zu überlassen. Colomba, die Taube, die in Stefan Zweigs Drama als Duckmäuschen und unterwürfiges Frauchen erscheint, erhält durch Carolin Hartmanns schauspielerische und Karacas konzeptionelle Interpretation eine emanzipatorische Kraft. Wie Tim Burtons Corpse Bride und gekleidet in einem wuchtigen, ausgestellten Brautkleid, mit schwarzem Topfhaarschnitt und Schleier legt sie eine dümmlich-komische Performance hin und bekommt die lautesten Lacher.

Als die Intrige auffliegt, feilschen die Beteiligten vor Gericht um Volpones Schicksal. Im Falle einer Verurteilung ginge das Geld Volpones jedoch an den Staat. Die Erbschleicher wollen das natürlich nicht. Wieder also Lügen, die dafür sorgen, dass Volpone freigesprochen wird. Korrupt sind sie alle, diese Bürger Venedigs, die sich einst Shakespeares Zeitgenosse Ben Jonson erdachte. Stefan Zweig adaptierte Jonsons ursprüngliche Version des Volpone, allerdings frei. Wie er später schrieb, befand er sich in Marseille und hatte das englische Original zu Hause vergessen, konnte also auch keine exakte Wiederaufgabe in deutscher Sprache anfertigen.

Nachdem er freigesprochen worden ist, nötigt Volpone seinen Diener Mosca dazu, die Nachricht zu verbreiten, er sei nun tatsächlich gestorben. Volpone möchte erleben, kreischt er, wie das Volk sich über sein Erbe streite.  Mosca allerdings stellt eine Bedingung: Volpones gesamtes Vermögen solle an ihn übergehen. Volpone, reich an Geld, aber arm an Verstand, willigt ein – und muss mit ansehen, wie Mosca sich all jenes, was einst ihm gehörte, zu eigen macht.

Ein letzter Blick in die Schatztruhe Volpones – ein „Was?“ von Mosca. Licht aus. Jakob Immervoll bleibt im Dunkeln auf der Bühne zurück, mit ihm die Leerstelle, die Karacas Inszenierung hinterlässt, bevor tosender Applaus anstimmt.

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