Potz Zauberpilz

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Die großen Kinderstücke zum Beginn einer neuen Spielzeit haben am Residenztheater schon Tradition. Waren dort in den vergangenen Jahren etwa die „Die Irrfahrten des Odysseus“ oder „Robin Hood“ zu sehen, zeigt Christina Rast nun „Alice im Wunderland“ und damit ihre erste Arbeit in München.

Von Benedikt Mahler

Von Benedikt Mahler

Benedikt Mahler

Benedikt Mahler (*1990 in Memmingen) wuchs mit sechs älteren Geschwistern im Allgäu auf. Nach dem Abitur assistierte er am Landestheater Schwaben, bevor er in München Kunst- und Theaterwissenschaft, Ethnologie und Philosophie studierte. Er lernte den Kulturbetrieb der Münchner Kammerspiele und der Bayerischen Staatsoper kennen, wo er als Regieassistent engagiert war. Als Kulturjournalist und Kritiker schreibt er u. a. für die Süddeutsche Zeitung Filmbesprechungen und Literaturkritiken. Seit Oktober 2017 ist er Redaktionsleiter des Hörfunkformats „Cult auf die Ohren“, das in Kooperation mit dem freien Radio München zweimal monatlich produziert wird.

Lewis Carrols fantastischen Roman von 1864 kennt auch in Deutschland schon lange jedes Kind. Die Geschichte um die verträumte, siebenjährige Alice, die in einem Kaninchenbau ein verrücktes Wunderland entdeckt, hat vor allem die Disney-Verfilmung aus den fünfziger Jahren berühmt gemacht. Und damit bis heute offenbar nur schwer überwindbare Maßstäbe gesetzt. Sowohl was die Ausgestaltung der Figuren angeht, als auch die Dramatisierung der zum Teil weniger zugänglichen Romanvorlage. Dass ein experimenteller Zugang zu dem Sujet schwerer an den Mann zu bringen ist, zeigen etwa die teils missglückten Fantasy-Verfilmungen von Tim Burton aus den vergangenen Jahren. Der amerikanische Märchenonkel für Erwachsene hat dabei nämlich eines nicht berücksichtigt: „Alice im Wunderland“ ist für Kinder gemacht – es wurde damals von Lewis Carrol für ein Mädchen namens Alice als Weihnachtsgeschenk geschrieben.

Die Disney-Alice war wohl auch dem Dramaturgen Götz Leineweber und der Regisseurin Christina Rast eine wichtige Inspirationsquelle. Das heißt für die Inszenierung: keine Experimente. Verspielter ist dagegen die Arbeit der Kostümbildnerin Marysol del Castillo: Sie verwandelt die Spieler in weiße Kaninchen und blaue Riesenraupen, in Hummer, Siebenschläfer und schnippische Gänseblümchen. Die seltsamen Zwillinge Dideldum und Dideldei sind schlank, aber hübsch frisiert und tragen einen langen Bart. Das ist alles sehr schön anzusehen. Ein wenig unbeholfen stehen die Kostümierten allerdings in dem sehr abstrakten Bühnenbild herum, das Franziska Rast, die Schwester der Regisseurin, entworfen hat. Große Leinwände mit psychedelischen Formen und Mustern in schlichtem Schwarzweiß sind das, sie fahren mal von der Decke, mal von der Seite herein. Das wird manches Kinderauge überfordern, wirkt es doch wie ein psychedelischer Drogentrip auf zu vielen Zauberpilzen, nur recht zweidimensional.

Es ist eben schwierig, das richtige Maß zu finden. In der szenischen Arbeit auf einer Theaterbühne, wie auch im fantastischen Wunderland. Nachdem Alice durch den Kaninchenbau einen Tunnel hinab saust, fällt sie einer winzig kleinen Tür vor die Fußmatte. Der Blick durchs Schlüsselloch ist vielversprechend. Aber wie will sie dort hineingelangen, ist sie doch viel zu groß für das kleine Öhr? Zum Glück kennt das Wunderland allerlei Spezereien und Tinkturen, die da weiterhelfen können. Doch gegen das größte Problem im Wunderland scheint kein Kraut gewachsen – die Zeit. „Nicht wir verschwenden sie, sondern die Zeit verschwendet uns“, sinniert der verrückte Hutmacher beim Kaffeekränzchen anlässlich seines Ungeburtstages. Das hat philosophische Tiefe. In der Schroffheit und Beiläufigkeit, mit der Till Firit den Hutmacher spielt, verpufft das allerdings wie die dampfplaudernde Grinsekatze im Äther.

Ein großer Spaß soll Kindertheater sein. Und dafür braucht es Schauspieler, denen man glaubt, dass ihnen ihre Arbeit Spaß macht. Die Alice, die Anna Graenzer spielt, ist allerdings manchmal selbst Spaßbremse und Klugscheißerin – zumindest hat man manchmal diesen Eindruck. Wirklich losgelöst von den Zwängen der Erwachsenenwelt wirkt sie all zu selten. Außer etwa in der Szene, in der Alice mit großen Kochlöffeln rhythmisch auf Töpfen trommelt und eine herrschaftliche Küche in ein wunderbares Chaos verwandelt. Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil die sehr ausschweifende, musikalische Ausgestaltung von Felix Müller-Wrobel hier einmal richtig im Bühnengeschehen aufgehen kann.  Das ist ein wahrlich zeitlos schöner Moment im Sinne des Wunderlands, wovon es mehr hätte geben können.