Lässig, leicht, liberal

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Kieran Joel wagt sich mit Humor an „Romeo und Julia“. Aus der Tragödie wird eine Komödie über zwei Zicken.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Dieser Jüngling in Schlabberhose und lässig aufgeknöpftem Hemd dort auf der Bühne ist also Romeo. Allein die Kleidung prophezeit, wie das Stück werden wird. Locker. Liberal. Jugendlich.

Kieran Joel beraubt Shakespeares’ „Romeo und Julia“ seiner Tragik und ersetzt sie durch Komik. Ernste Schwere weicht lässiger Leichtigkeit. Aus „Das wilde Blut, das in den Wangen flattert“ wird „Die Liebe endet immer in der Scheiße.“ Shakespeares’ Meisterwerk mit Witz zu inszenieren, lässt das Herz jedes Verfechters von Werktreue bluten. In der Tat birgt Joels Version einige schmerzliche Verluste. Doch die Pointen sitzen einfach zu gut. Nach zwei Stunden werden die Zuschauer den Saal des Münchner Volkstheaters verlassen und von einem unterhaltsamen Abend sprechen. Zurecht.

„Romeo und Julia“ folgt immer noch dem Motiv der Liebe zwischen den Sprösslingen der verfeindeten Häuser Capulet und Montague. Doch in dieser Inszenierung sind die beiden unglücklich Liebende im Zeitalter von Tinder und Parship. Joel streicht und kürzt schwülstige Monologe des Klassikers und ersetzt sie durch den Sprachduktus unseres Alltags. Eine quirlige Luise Kinner, die Romeos Kumpel Mercutio spielt, läuft zur Höchstform auf als personifizierter Liebespessimismus. Carolin Hartmann verleiht ihrer Julia einen gewissen Pragmatismus und macht aus einer liebestollen Romantikerin eine rational Schwärmende. Silas Breiding spielt einen stürmischen, lauten Romeo.

Die bedächtigen Worte, die Shakespeare seinem Romeo in den Mund gelegt hat, und das sensible und doch innerlich zutiefst aufgewühlte Gemüt bringt Breiding tobend zum Ausdruck. Im blauen Glanzanzug singt ein schnöseliger Max Wagner als Popstar-Paris eine Liebeshymne auf Julia. Nina Steils stakst als sexy Amme von links nach rechts, von vorne nach hinten über die Bühne, bis sie schließlich dem unschuldigen Blick Bruder Lorenzos verfällt. Benvolio, Romeos zweiter Kumpel, wurde gestrichen. Ebenso Mutter Capulet. Sie lässt sich höchstens in der Figur des alten Capulets mitdenken, dem Jakob Immervoll sein jugendliches Gesicht und die knabenhafte Figur leiht.

Er steckt in Hosenträgern, Hemd und Hornbrille, sein blondes Haar ist zurückgegelt. Ein Versuch, ihn als gediegenen Patriarchen zu verkaufen, so wie einen komplett schwarz gekleideten Jonathan Hutter als Bruder Lorenzo. Den weisen Pater und das autoritäre Familienoberhaupt mit Twenty-Somethings zu besetzen erinnert an Schultheater, dem abseits der Lehrer die Alten im Team fehlen. Keine optimale Entscheidung, die ob des jungen Ensembles des Volkstheaters wohl aber auch nicht anders hat ausfallen können. Videoprojektionen nehmen die Fläche des Vorhangs ein und vermischen Theater mit Kino, der Rest der Bühne ist sparsam ausgestattet, lediglich ein Steg führt weit in den Zuschauerraum hinein.

Joels dramaturgische Kürzungen zugunsten der Komik machen das Stück unterhaltsamer als erwartet, doch ihnen zum Opfer fallen auch Szenen, die für „Romeo und Julia essentiell sind. Die Balkonszene verliert an ihrer einzigartigen Ikonik, denn Romeo und Julia zicken sich lieber an. Immerhin entschuldigt sich Romeo und spricht ein paar der Zeilen seines klassischen Monologs. Von dem Missverständnis, das zum Tode der beiden führt, bleibt nur ein Hauch inmitten des Gebrülls der Akteure. Was an Spielzeit in die schön choreografierte Kampfszene zwischen Fatsuit-Fettsack Tybalt und Romeo fließt, fehlt im Finale und seinem Unheil, das sich prominenter hätte anbahnen können, ob nun komisch oder tragisch.

So bleibt am Ende trotz all dem Witz Resignation. Resignation über die Liebe der beiden Protagonisten, und damit Resignation über die moderne, recht beliebige Liebe, wie sie das Stück darstellt. Überraschend unterhaltsam ist die Inszenierung dennoch, die mit sprachlicher Frische und jungem Engagement einen Zugang zu Shakespeare schafft und vor allem jüngeres und unvoreingenommenes Publikum begeistern wird.