Idyllen unter der Taucherglocke

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Christoph Marthaler lädt mit „Tiefer Schweb“ an den Münchner Kammerspielen mal wieder zum Heimatabend. Diesmal am Grund des Bodensees.

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

Am tiefsten Punkt des Bodensees wird die Heimat verteidigt. Mit den stärksten Mitteln des Abendlandes, den Mitteln der Bürokratie, versteht sich. In einer Unterwasserstation erörtert ein Rat grauer Damen und Herren die Frage der Identität im Dreiländer-Eck aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Denn dieses Kleinod, soviel steht fest, ist in Gefahr: Oben treiben, streng geheim gehalten vor den Bewohnern der Anrainerstaaten, schwimmende Flüchtlingsunterkünfte, und das Wasser des Binnenmeeres zeigt bereits bedenkliche Kontaminationswerte durch unbekannte Toxine. Die Fremden zielen auf das rettende Ufer, doch wer rettet das Ufer? In seinem Stück „Tiefer Schweb“ an den Münchner  Kammerspielen fragt der Regisseur Christoph Marthaler: Wer sind wir, die da fragen, wer wir sind? Und trifft damit einen Nerv der Zeit. Ohne recht zu wissen, was damit anzufangen.

Die Bühne zeigt den Innenraum dieser grotesken Unterwasserstation. Ein dicker Eichentisch und Wirtshausstühle, eine rustikale Holzvertäfelung bis hinauf in die geschwungenen Deckenbögen, ein grüner Kachelofen links, im goldenen Schnitt der Bühne. Das Szenenbild denkt konsequent die Idyllen-Tradition des Volkstheaters zu Ende.

Das Spiel dazu verkehrt diese, wie immer bei Marthaler, ins Abstruse. Da diskutiert etwa das zentrale Verwaltungskomitee der Bodenseeregion mit vollem Beamtenpathos ─ der famose Walter Hess steht am Tisch, den Kopf gockelhaft gespitzt, eine erratische Tirade aus Termini technici krähend ─, als plötzlich ein Taucher aus dem Kachelofen steigt und Zwieback in die Runde wirft wie Gerste in den Hühnerstall. Die Belegschaft fängt an zu gackern, schwärmt aus und knabbert über der Bühne verteilt, dann geht es zurück an den Tisch, und das seriöse Deklamieren des Kauderwelschs aus Zahlen und Statistiken geht weiter.

Die Leitfrage des Beamtenapparats: Wie kann Fremdes Teil dieser Heimat werden? Man ist sich einig: Mit dem Erlernen der Sprache und einem festen Berufsstand allein ist es nicht getan. Heimat ist eine Frage der Mentalität. Und als beißende Ironisierung der hiesigen Integrationstests darf ein junger Migrant seinen Schuhplattler vortanzen. Dann wird, wie noch oft an diesem Abend, gesungen.

Damit sind schon die wesentlichen Bewegungen in Marthalers Inszenierung beschrieben. Er packt sich einen Aspekt aus den diversen Klischeemotiven dieser süddeutschen Zünftigkeit und überspitzt ihn. Sei es der Weißwein, der in Aktenschränken hinter der Bühne lagert, wobei sich die vermeintliche Reinheit und Güte des Tropfens in Marthalers Deutung als sterile Farblosigkeit entpuppt. Sei es die typische Garderobe, die in einer skurril-komischen Trachtenparade den großen Widerspruch zwischen dem, was man geläufig als Tracht versteht, und dem, wie sie historisch einst  aussah, zeigt.

Diese lose Szenen werden immer wieder verbunden und rhythmisiert durch lange Gesangseinlagen von Volksliedern, darunter später auch aktuellere Hymnen des Populärmusik-Kanons. Was wie ein Liederkreis zu Tisch beginnt, endet mit drei Heimorgeln, vor denen Ueli Jäggi eine ergreifende Version von Procul Harums „A Wider Shade Of Pale“ vorträgt. Da wird im Publikum mitgesungen und wild applaudiert, eine Heimseligkeit zieht ein in die Kammerspiele. Und die Musik bildet das identitätsstiftende Moment zwischen Darsteller und Zuschauer. 

Man möchte an dieser Stelle gerne schreiben, Marthaler dekonstruiert die Prinzipien Heimat und Identität, aber leider folgen diese Szenen keiner anderen inneren Logik als der der Skurrilität. Wenn gegen Ende seine Protagonisten in einer großen Slapstick-Nummer mit Kreissäge und Hammer die Bühne vernageln, sich selbst in Stacheldraht verfangen, dann ist das nur ein weiteres kontingentes Bild, irgendwie aus dem Kontext Europa, Flüchtlinge, Heimat gegriffen.

Doch ohne dramaturgische Vorbereitung verpufft es in Selbstzufriedenheit und einer eigenwilligen Komik zwischen Orgelkorso und Pissoir-Call and Response. Das ist mitunter sehr unterhaltsam, das ist mitunter zäh, verrät aber vor allen Dingen das Thema in seiner ganzen Virulenz. Denn „Tiefer Schweb“ genügt sich selbst und täuscht durch Effekt über den Mangel an echten Gedanken weg. Umso bedauerlicher, da mit der Mentalitätsforschungsstation am Grunde des Bodensees unter den im Binnenmeer treibenden Flüchtlingen eine so grandiose Metapher gefunden wurde.