Warum läuft Frau G. Amok?

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Residenztheater: Die Mediensatire „Gloria“ von Branden Jacobs-Jenkins verbirgt ihren traurigen Kern.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Jetzt gehen die Medienhäuser wirklich unter! Die Chefetage hat die Automaten mit kostenlosem Kaffee abgeschafft! Die Assistenten und Praktikanten eines New Yorker Magazins ärgert das maßlos. Dabei identifizieren sie sich ohnehin kaum mit dem Unternehmen, für dessen Kulturredaktion sie nur halbherzig arbeiten, weil sie eigentlich andere Pläne haben: Ani ist eine studierte Neurowissenschaftlerin, Dean ein insgeheimer Romanautor, Kendra eine fleißige Online-Shopping-Bloggerin und Miles weiß überhaupt nicht, was er möchte.

Das holzvertäfelte Großraumbüro, das Maria-Alice Bahra auf die Bühne des Münchner Residenztheaters gebaut hat, liegt abgetrennt unterhalb der nicht-sichtbaren Einzelbüros der Redakteure. Hier wird weniger gearbeitet, dafür umso mehr über die unterschiedlichen Ambitionen gestritten. Niemand gönnt dem anderen etwas. Manipulationen und Machtkämpfe beherrschen das Betriebsklima. Dean blamiert Kendra vor ihrer Vorgesetzten. Kendra und Ani wiederum machen sich über Deans Romanprojekt lustig. Miles holt fleißig Kaffee aus dem Coffeeshop, Ingwerwasser und Schokoriegel, wird aber zum Neid- und Leidwesen der Kollegen als einziger in die Chefetage gebeten. Plötzlich fallen Schüsse. Gloria, die schweigsame Frau aus der Schlussredaktion, läuft Amok. Am Abend zuvor waren nur vier Kollegen zu ihrer Party gekommen.

Der radikale Einschnitt markiert das Ende des ersten Akts. Der zweite spielt acht Monate danach in dem benachbarten Coffeeshop und der dritte zwei Jahre später in einer Filmproduktionsfirma in Los Angeles. Der Amoklauf unterbricht den satirischen Ton der Medienkomödie „Gloria“ von Branden Jacobs-Jenkins. Der Effekt scheint durchaus gewollt zu sein. Man lacht noch und schon erschrickt man. Der Tod als unangenehme Unterbrechung hat in einer hyperdynamischen Arbeitswelt keinen Platz. Vor dem Massaker klagen Ani und Kendra über eine zu jung verstorbene Sängerin. Aber im Trauertanz der Frauen oder in den vielen Nachrufen geht es gar nicht um die Sängerin selbst, sondern um den naiven Glauben an die Unsterblichkeit eines Stars. Erst mit Glorias Schüssen dringt der Tod real in die Belegschaft ein.

In den letzten zwei Dritteln versuchen die Figuren, ihre Trauma zu bewältigen. Doch das allein wäre zu harmlos. Der Kampf um das richtige Narrativ, das passende Medium und die ideale (Selbst-)Vermarktung geht weiter. Am Ende sehen wir die vorangegangenen Ereignisse als Trailer für einen Streamingdienst.

Amélie Niermeyer zeigt Jacobs-Jenkins Stück am Residenztheater erstmals in einer deutschsprachigen Version. Die Idee erinnert an Rainer Werner Fassbinders und Michael Fenglers „Warum läuft Herr R. Amok?“, in dem der Protagonist genau wie Gloria das schweigende Zentrum bildet, aus dem unerwartet Gewalt ausbricht. Während Fassbinder und Fengler 1970 die westdeutsche Durchschnittsfamilie und -firma ins Visier genommen haben, dreht sich in „Gloria“ alles um das beschleunigte Medienwesen im New York des 21. Jahrhunderts. Glorias Tat wird nicht psychologisiert, sondern nur ihr Umfeld gezeigt. Vor dem Amoklauf beneiden sich die Assistenten entweder oder sie ignorieren einander wie im Fall von Gloria. Die geheuchelte und fehlende Empathie ist das zentrale Thema des Dramas. Selbst nach der Schießerei versteht niemand die Perspektive der anderen. Dean und Kendra verarbeiten den Amoklauf jeweils als eigenen Roman, aber Dean will sich vertraglich von ihr absichern, was geschrieben wird und was nicht. Die Chefin Nan wiederum entdeckt in ihren Erinnerungen das Potential, ein autobiografisches Frauenporträt für eine Serie zu liefern. Um Gloria geht es dabei längst nicht mehr. Das ist das wirklich Traurige an diesem Abend.