Tragödie aus dem Kühlschrank

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Martin Kušej und Albert Ostermaier zeigen am Residenztheater in ihrer „Phädra“-Adaption einen Albtraum mit Anklängen an die Gegenwart.


Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.


Man erkältet sich selten im Theater. Vor Beginn der Vorstellungen von „Phädras Nacht“ jedoch verteilen zwei freundliche Damen der Garderobe wärmende Decken an die Zuschauer in den vordersten Reihen des Residenztheaters. Denn es wird kalt! Der Bühnenboden ist komplett mit Eisbrocken bedeckt und wird zusätzlich gekühlt. Obendrein friert einen, weil die Figuren sich so gefühlskalt zueinander verhalten.
Seitdem Phädra ihren Mann Theseus und ihren Sohn in einem fernen Krieg verloren hat, ist von der Königin nicht mehr viel übriggeblieben: Der spärlich bekleidete, dreckige und nasse Körper von Bibiana Beglau krümmt sich, irrt und stolpert durch eine Welt aus dunklen Durchgängen und offenen Türen, die aber kaum Orientierung versprechen. Der Regisseur Martin Kušej und der Autor Albert Ostermaier haben Euripides zwar ein Update mit Afghanistan-Krieg und Flüchtlingskrise verpasst, doch in der Inszenierung kommt das nur am Rand vor. Einmal läuft ein glatzköpfiger Mob mit Fackeln im Hintergrund vorbei. In einer anderen Szene greift der Arzt Asklepios zur Heroinspritze. Es wird jedoch vielmehr erzählt, wie eine lieblose Gesellschaft nur noch liebloser agieren und reagieren kann. Anstatt sich gegenseitig zu trösten, tragen Phädra und ihre Tochter Aricia einen verbalen Messerkampf aus. Anstatt sich um die Kriegsheimkehrer zu kümmern, ignoriert man ihre Wunden oder bohrt noch tiefer.
Das Setting lässt sich als ein Albtraum der Gegenwart verstehen. Aber es wird mehr Andeutung und weniger Analyse geboten. Hätte man die Konflikte der Personen isoliert betrachten, könnte man deren Allgemeingültigkeit noch besser verstehen. So fährt die Inszenierung zweispurig: auf der einen Seite mit dem Aktualisierungsanspruch, auf der anderen mit der surrealen Verschlüsselung. Ein entschiedener Weg hätte direkt zum Ziel geführt, doch dank der schauspielerischen Leistungen von Aurel Manthei, Nils Strunk, Thomas Grässle und natürlich von Bibiana Beglau als gebrochene Königin werden die grundliegenden Spannungen der Tragödie dem Publikum vor Augen geführt.
Die unbeantwortete Liebe von Phädra zum geflüchteten Stiefsohn Hippolyt steigert sich bis zum Ersticken. Das fehlende Mitleid für den heimkehrenden, traumatisierten Theseus wandelt sich zum Hass gegen den eigenen Sohn. Und der hinterlistige Asklepios nutzt die emotionale Instabilität aller Beteiligten aus, um seinen Machtstatus zu sichern oder sogar zu steigern.
Wenn es vielleicht einen Lichtblick in dieser Dunkelheit geben könnte, dann wären es Hippolyt und seine Halbschwester Aricia. Kurz erscheint das Liebespaar sich aus dieser Welt befreien zu können, wenig später aber nehmen Misstrauen und Feigheit wieder zu. Das Ende ist dementsprechend pessimistisch. Hoffentlich beginnt das Eis rechtzeitig zu schmelzen, bevor sich jemand verkühlt und die Kälte und den Hass mit nach Hause nimmt.