Die vielen Gesichter der Wut

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2015 begann Elfriede Jelinek mit der Arbeit an „Wut“. 2016 brachte Nicolas Stemann „Wut“ auf die Bühne. 2017 läuft die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen immer noch. Und hat an Relevanz nichts verloren.


Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.



Der Deutsche Wutbürger sitzt in Unterhemd und Boxershorts vor seinem Röhrenfernseher. Socken in Sandalen. Neben ihm quäkt seine Frau. Das Deutsche mache sie geil. Wenig später wird diese Frau, gespielt von Julia Riedler, mit einem schizophrenen Monolog brillieren, der die Charaktere des Regisseurs, der Autorin und der Schauspielerin aufeinanderprallen lässt. Ein selbstreflexiver Einschub in der Halbzeit der fast vier Stunden dauernden, pausenlosen Inszenierung, der nicht der letzte bleiben soll. Der Regisseur schleicht auf der Bühne umher, moderiert und betont zugleich, dass er keineswegs in der Rolle des Regisseurs hier oben stehe. Er zupft an der Gitarre, bemalt Leinwände mit Kunstblut wie einst Hermann Nitsch in seiner Blutorgel-Aktion, lädt das Publikum auf die Bühne ein. „Wut“ von Elfriede Jelinek erinnert nicht nur deswegen an „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Auch hier war Stemann Regisseur und Akteur, ließ seine Schauspieler viel lesen, viel schreien, viel singen, mit Kot – wenn auch künstlich – um sich werfen oder zumindest darüber monologisieren.

„Wut“ ist ein Theaterabend, der Zuschauer und Schauspieler verbündet. „Wut“ ist Performance statt Aufführung, mehr Prozess als fertiges Stück. Die Inszenierung wirkt improvisiert statt einstudiert. Der Theatersaal wird zu einem geschützten Raum für Wuttiraden über Terror, Tod, Populismus und Radikalität. Ein Raum, der zugleich das Gefühl der Wut zum Auslöser für Terror, Tod, Populismus und Radikalität erklärt. Das Attentat auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 war für Elfriede Jelinek Anlass ihres Textes. Wieder war es Nicolas Stemann, der sich dessen Inszenierung annahm, im Jahr darauf wurde „Wut“ in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Nun ist Herbst im Jahr 2017 und die Produktion läuft immer noch. Immer noch ist sie relevant. Denn was ist in den letzten Jahren geschehen? Weitere Anschläge und Attentate, ob in Europa, den USA oder Afghanistan, Präsidentschafts- und Bundestagswahlen mit absurden und alarmierenden Ergebnissen, politisch-radikale Bewegungen, staatliche Interessenskonflikte mit beunruhigenden atomaren Aktivitäten … Stemann nährt Jelineks Text mit aktuellen Themen, die ihn noch wütender machen. Das Publikum sieht zu, wie Jelena Kuljić mit osteuropäischem Akzent in den Wutchor der Pegidisten und AfDler einstimmt, wie Annette Paulmann als betrogene Ehegattin einen wütenden Monolog anstimmt, den Julia Riedler und Zeynep Bozbay auf eigene Art fortführen. Verschiedene Gesichter desselben betäubenden Gefühls, individuelle Versuche, mit Wut umzugehen.

Wenn Zeynep Bozbay mit Maschinengewehr die Bühne betritt, sich ein Taliban-Kopftuch überstreift und auf das rotierende Sofa setzt, begleitet sie Claudia Lehmann mit der Handykamera. Handykameras sind stets präsent, und Live-Videos projizieren blutige Gewalt auf drei große Leinwände. Performativer Voyeurismus und Exhibitionismus. Die weibliche, hübsche Rekrutin mit den Rehaugen propagiert ihre Rechtfertigung terroristischer Missetaten im YouTube-Stil, und wir schauen zu. Wir schauen auch zu, wenn Franz Rogowski, Daniel Lommatzsch, Thomas Hauser und der Rest des Ensembles als Buddha, Jesus, Zeus oder Spaghettimonster eine Talkshow parodieren. Parodie ist in dieser Inszenierung das Produkt der paradoxen Faktoren Komik und Ernst. Auf die rasende Wut und ihre Gräueltaten folgen Satire als Schutz und Schwert zugleich. Als Antwort auf die Ohnmacht, die sich unserer bemächtigt. Das Theater ist die experimentelle Projektionsfläche dafür.

Was kommt als nächstes, ist die Frage, die sich auch nach drei Stunden noch stellt. Welche weiteren Bilder hat Stemann parat, um die Wut auf die Spitze zu treiben? Wenn sich ein solches Gefühl nach einem langen Abend wie diesem einstellt, kann er nicht misslungen sein. Gelungen jedoch auch nicht, denn es scheint nicht der Anspruch der Inszenierung, zu gelingen. Es ist ein abendfüllender Ausdruck eines Gefühls, die wütende Performance einer öffentlichen Probe.