Falsches Leben am falschen Ort

Festival d’Avignon: Der designierte Festivalleiter Tiago Rodrigues inszeniert Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ im Ehrenhof des Papstpalastes – mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle

 

Von Katinka Holupirek und C. Bernd Sucher

Von Katinka Holupirek und C. Bernd Sucher

Dem portugiesische Regisseur Tiago Rodrigues, der vom nächsten Jahr an auch der Chef dieses Festivals sein wird, wurde beim 75. Festival d’Avignon die Ehre der Eröffnungsinszenierung zuteil. Im Ehrenhof des Papstpalastes, dem Cour d’Honneur, sollte nach einem Jahr pandemiebedingter Festivalpause und dem sechsten Umbau von Bühne und Zuschauerempore in der Geschichte des Festivals seine Inszenierung von Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ eine ruhiggestellte Theaterwelt aus der Zwangsstarre befreien und den Aufbruch in eine neue Zeit beschwören. Sollte.

Das Stück, das Tschechow wenige Monate vor seinem Tod schrieb, eignet sich für revolutionär frischen Wind, denn darin wird die Frage nach der Zukunft gestellt, mit der sich die verarmte Gutbesitzerin Ranjewskaja, gerade von ihrer Tochter in die Heimat zurückbeordert, herumschlagen muss. Fünf Jahre zuvor war sie nach dem tragischen Tod ihres jüngsten Kindes nach Paris geflohen. Nun ist alles Geld weg und das Familienanwesen nicht mehr zu halten – es sei denn, sie entschiede sich für eine Neuinvestition. Datschen, Ferienhäuser für Touristen, könnten sie retten. Wofür allerdings der Kirschgarten abgeholzt werden müsste.  Sich voller Tatendrang aufmachen in eine ungewisse Zukunft? Oder im Status Quo verweilen und mit größter Wahrscheinlichkeit untergehen? Mehr als hundert Jahre Zeitabstand, doch die Antwort auf diese Frage ist gleichermaßen schwierig.  

Auf der Bühne im Papstpalast nähern sich die Schauspielerinnen und Schauspieler diesem Problem erst einmal bequem vom Sitzen aus: Das riesige Holzpodest ist bestuhlt, rund 200 ausrangierte Festivalstühle stehen dort in Reih und Glied. Bevor hier etwas passieren kann, muss Platz geschaffen werden. Stühle – Kirschbäume – alte Ordnung, im Laufe des Abends unsanft abgeholzt, auf einen großen Haufen geschmissen, dann gestapelt in die Ecke. Doch was ersetzt die Leerstelle?

Der Abend entschließt sich für die schlechteste aller Möglichkeiten. Stillstand. Dem sich sogar Ratlosigkeit unterstellen lässt. Auf anfängliche Betriebsamkeit, in der stilisierte Bäume auf Schienen entlanggeschoben werden, sich eine Zwei-Personen-Combo mal laut im Vordergrund, mal wie ein schier nicht enden wollender, wabernder Klangteppich ausbreitet, folgt Deklamationstheater. Frankreichs Grande Dame Isabelle Huppert als Ranjewskaja, eine in die Jahre gekommene Hippifrau, gefällt sich als das kleine Mädchen, das immer noch quirlig sein möchte und munter und piepsig. Die grüne Schlaghose rettet sie nicht. Sie bleibt blass. Einzig der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes macht sie nahbar. Und es gibt einen einzigen, ersten spannenden Moment zu Beginn, als Mademoiselle Huppert an der Rampe stehend zirpt und flötet und hüpft, die Arme weit ausgebreitet und mit ungläubigem Staunen fragt: „Bin es wirklich ich, die hier ist?“ Für einen kurzen Augenblick blitzt er durch, der pandemisch vorbelastete Mensch.

Zu mehr als sanftem Aufblitzen reicht es auch nicht für die Idee Tschechows, all dem Elend mit Humor zu begegnen. Der Text bietet spielerische Leichtigkeit, Platz für ein Lachen, wenn die Unsicherheit den Figuren die Luft abzuschnüren drohen. Zu mehr als einer quietschenden Schuhsohle des Studenten Trofimow kommt es aber nicht. Das Publikum goutiert sie dankbar.    

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass der riesige Papstpalast der falsche Ort ist für dieses Kammerspiel. Der Ort spielt nämlich unweigerlich die Hauptrolle in jeder Aufführung, die hier gezeigt wird. Dieser Ort wurde verspielt. Nur einmal entsteht Magie: Mit einem Taschenspielertrick sammelt Warja, die Pflegetochter der Ranjewskaja, alles Licht und zentriert es in einem einzigen Punkt in ihrer Hand. Als sie es ausbläst, fließen sphärische Lichtwellen die meterhohe Mauer hinauf und beschwören – mit ein bisschen Fantasie –Tschechowschen Aufbruchswillen: „Soll es sich halt irgendwie ändern, dieses verdammte Leben!“

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