Wut und Zerstörung

Festival d’Avignon: Brett Bailey deutet in „Samson“ den biblischen Mythos um

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

„Men have been shot dead for less“, sagt der schwarze Prediger, der – wie ein Erzähler der Geschichte – durch die Inszenierung leitet, zur Musik aus Synthieklängen und Getrommel.

Samson tanzt und tapst dazu über die Bühne. Er springt, fällt, krümmt sich und steht wieder auf. Er schmeißt seinen Kopf hin und her, die weißen Rastafari-Haare fliegen von rechts nach links und wieder zurück. Samson tanzt sich in Rage, er ist menschgewordene Wut. Gerade ist er von seiner frisch verheirateten Frau, in der Bibel einer Philisterin, also einer Nicht-Jüdin, an ihr Volk verraten worden. Seine Wut und Enttäuschung tanzt er aus sich heraus.

Im Hintergrund des Bühnenraumes hängt eine große Leinwand, die immer wechselnde Motive und Landschaften zeigt. Zunächst erscheinen hier schön-verschnörkelte Bäume. Doch je wütender Samson wird, umso mehr färben sich die weißen Bäume rot. Samson schreit jämmerlich auf. An den Bäumen hängen jetzt schwarze Gestalten. Die wilde Musik und der verkrümmende Tanz lassen nach. Die Gehangenen werden zu kleinen glitzernden Sternen, fliegen davon und die Bäume werden wieder grün, dafür färbt sich nun das Land rot, auf dem die Bäume standen.

„Samson“ beim Festival d’Avignon 2021 ist eine Adaption des Samson-Mythos aus dem Alten Testament. Der Regisseur Brett Bailey reichert die Originalgeschichte des Mannes, der seine übermenschliche Stärke aus seinen Haaren erlangte, an mit den Themen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Inszenierung wird zur Feier der Schwarzen Kultur, verliert dabei aber nicht die Ambivalenz des brutalen und gnadenlosen Originalstoffes.

Direkt zu Beginn wird dem schwarzen Samson der Rastafari-Haarschmuck überreicht, der wie eine Mischung aus Maske und Haarschmuck über seinen Kopf und bis über seine Augen gestülpt wird. Dass die Rastafari-Haarpracht, die ihm seine Stärke verleiht, weiß ist – mit Sicherheit kein Zufall.

„Wanna change the world“, singt der Chor der anderen schwarzen Darsteller, als ihr zum „last born son of the sun“ ernannter Retter seine blutige und gewalttätige Reise beginnt, die geprägt ist von Verrat und missbrauchtem Vertrauen. Samson soll sein unterdrücktes Volk der Juden befreien. Der Samson der Inszenierung wird symbolisch zum Befreier aller versklavten Schwarzen. Die Philister, überhebliche Besetzer, werden zu Witzgestalten in Fat Suits mit Blackfacing entgegengestellten weiß-einbandagierten Gesichtern. Das Rätsel wird eins-zu-eins aus der Bibel übernommen und gerappt: „Out of the eater came something to eat. Out of the strong came something sweet.“

Die Sprechgesang-Passagen erinnern stark an das amerikanische Rap-Musical „Hamilton“. Noch deutlicher wird das im nachfolgenden Rapsong über Ausbeutung und Vertreibung. Hier stimmen nicht nur Rapart, Tempo und Reimart überein. Ganz eindeutig wird mit dem Satz „They fly the flags half-mast“ das amerikanische Vorbild zitiert, in dem George Washington rappt: „We’re gonna fly a lot of flags half-mast“.

Aber Samson ist kein Rap-Musical. Samson ist musikalisch so vielfältig, dass es sich nicht auf ein musikalisches Genre festlegen lässt. Von Synthie-Klängen über Rap- und Musical-Nummern, von sanften Klaviertönen hin zu ekstatischen, afrikanischen Voodoo-Klängen. Bis schließlich gegen Ende noch eine Arie von Saint-Saëns ertönt und die musikalischen Grenzen komplett sprengt. Der Abend ist die Zufallswiedergabe dieser einen Playlist, in die man alles reingepackt hat, was man irgendwie toll fand, unabhängig vom Genre. Und trotzdem passt es irgendwie zusammen. „Samson“ überrascht immer wieder aufs Neue.

Über der gesamten Aufführung schwebt ein lange unterdrückter Groll, der sich in ruhigen Momenten anstaut, um dann in allerhöchster Intensität auszubrechen. Eine Inszenierung, geprägt von der Wut der schwarzen Bevölkerung. Erzeugt und angestaut durch die jahrhundertelange Ausbeutung, durch Versklavung und Vertreibung. Den Raub von kulturellem Erbe, den Verlust der eigenen Geschichte.

Auf der Leinwand sind einmal zwei Figuren zu sehen. Eine weiße mit einem Schiff als Kopf, eine rote mit einer Sonne als Kopf. Die Arme des weißen Schiffsmenschen sind Uhrzeiger, mit denen er der roten Figur den Sonnenkopf abreißt. Mit den „Entdeckungen“ fremder Kontinente, die von den westlichen Kulturen noch immer gefeiert werden, kam historisch auch immer die Ausbeutung der Menschen, die auf diesen „entdeckten“ Gebieten bereits lebten.

Als Samson später seine zweite Frau Delila kennenlernt und diese ihn hintergeht und dabei seine Haare berührt, herrscht er sie an: „Touch any part of me but not my hair“. Eine Aussage, die nicht nur im Kontext des Samson-Mythos funktioniert, sondern durch den von Rassismus geprägten Blick des Stückes eine starke Doppeldeutigkeit erhält.

Nachdem Samson von Delila verraten wurde, wälzt er sich erneut über die Bühne. Die Musik wird immer lauter, ohrenbetäubend. Eine Feier des Wahnsinns. Alles scheint zu schreien. Eine Energie schwebt im Raum, die leuchtet und alles andere in den Schatten stellt. Samson steht im Lichtkegel, er krümmt sich über die Bühne, bis er vollkommen erschöpft zusammenbricht.

Am Ende der Inszenierung erscheinen die New Yorker Twin Towers mit zwei Löwensymbolen darauf auf der Leinwand. Sie brennen. Unter großem Geschrei von Samson stürzen sie ein. Der Gefangene befreit sich und reißt seine Peiniger mit in den Tod. Der Mythos von Samson als erstem Selbstmordattentäter und dadurch Vorläufer der Terroristen vom 11. September 2001 wird hier aufgegriffen und unkommentiert stehengelassen.

 

„Samson” ist eine symbolstarke, facettenreiche und intensive Arbeit. Eine Feier der Schwarzen Kultur, ein Aufschrei gegen Rassismus. Und eine Warnung, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.  „The black wound roars“, sagt der Prediger. Die schwarze Wunde brüllt.

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