Das Blutritual

Festival d’Avignon: Angélica Liddell zeigt ihre fulminante Geisterbeschwörung „Liebestod – El olor a sangre no se me quita de los ojos – Juan Belmonte“

Von Pablo Bücheler

Von Pablo Bücheler

Von Pablo Bücheler

David Pablo Bücheler

Die spanische Theatermacherin Angélica Liddell kommt für gewöhnlich durch das große Tor nach Avignon. Sie ist eine Frau der großen Gesten. Eher Aktionskünstlerin als Theaterregisseurin, und mittlerweile werden ihre Inszenierungen beim Festival auch entsprechend erwartet und ersehnt. Begründet liegt dieser Ruhm im großen Erfolg ihres Stücks „La casa de la fuerza“ aus dem Jahr 2012, für das sie den wichtigsten spanischen Literaturpreis für dramatische Texte erhielt. Avignon ist seither Liddells zweites Zuhause. Hier liegt der späte Ruhm ihrer Karriere begründet, der alles andere als selbstverständlich für die katalanische Regisseurin ist. Lange Phasen ohne Anstellungen, voller Existenzängste, begleiteten ihre Karriere. Oftmals dachte sie bereits daran, das Handtuch fallen zu lassen, wie sie auf der Pressekonferenz in Avignon zugibt.

Jetzt ist sie nach erzwungener zweijähriger Abstinenz zurück in Avignon, und ihre Produktion „Liebestod – El olor a sangre no se me quita de los ojos – Juan Belmonte“ gehört natürlich zu den Highlights des diesjährigen Programms. Alle Vorstellungen waren rasch ausverkauft. Auch für dieses Stück, das eigentlich für das abgesagte Festival 2020 eingeplant war, hat Olivier Py, der Festivalchef, ein großes Tor vorgesehen, die große Bühne der Opéra Confluence, ein etwas flüchtig dahingezimmertes provisorisches Gebäude außerhalb der Stadtmauern – die eigentliche städtische Bühne ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Aber auch an diesem Ort lässt sich das Konvolut an Stimmen in Liddells Stück klar vernehmen. Welche  Stimmen hier zu hören und welche Bilder zu sehen sind, nimmt der Titel eigentlich schon vorweg:  Entfernte Echos von Wagners „Tristan und Isolde“, überdimensionierte, an  Haken hängende Fleischfetzen, die an die Malerei Francis Bacons erinnern, dazu die schwermütigen Sätze des spanischen Stierkämpfers Juan Belmonte: „Der Wille zu Sterben ist das Einzige, was es braucht, um mit dem Stier zu kämpfen“. Oder: „Man kämpft so mit dem Stier, wie man liebt“. Sätze eines Todgeweihten werden dem Publikum im Prolog entgegengeschmettert. Liddell allein auf der Bühne: Ein Text, geschrieben von ihr selbst, für sie selbst, nur einige zu Komparsen degradierte Schauspieler lässt sie im Laufe des Abends neben sich über die Bühne huschen.   

Belmontes mystische Interpretation des Stierkampfes gibt zunächst den Ton. Das Bühnenbild zeigt die Banden einer Stierkampfarena, im Hintergrund werden Sätze berühmter französischer und spanischer Poeten projiziert. Weitere Stimmen im Konvolut, Geister werden beschworen: Rimbaud, Valle-Inclán, Emil Cioran und ungenannt der spanische Dichter Federico Garica Lorca, Freund Belmontes, in dessen Dichtung so oft die Symboliken und Riten des Stierkampfs kondensierten. Ein blutiges Ritual findet dann auch auf der Bühne statt. Liddell schneidet sich an Füßen und Händen mit einer Rasierklinge. Aber dieses Blutritual ist anders. In der Blutmetaphorik des Stierkampfs dominiert stets der männliche Part. Ein Fruchtbarkeitsritus, der den Tod bringt, aufgespießt durch den Torero oder das Horn. Der Stierkampf strotzt nur so vor phallischer Symbolik. Das Blutritual bei Lidell ist weiblich. „Das weiße Laken voller Blut und Samen“, schreit sie. Hier wird nicht penetriert, sondern nur voller Inbrunst geritzt. Selbst ist die Frau. Dazu der Gesang der Flamenco-Schwestern „Las Grecas“, der die Einheit von Tod, Liebe und Leben beschwört: „Asingara – yo no puedo vivir sin su amor. Sin su amor no viviré.“

Ein Blutritual, eine Geisterbeschwörung, eine virtuose Verbindung von Stimmen.  

Dann tritt Angelica Liddell einen Schritt zurück. Der Zauber verfliegt, der Ritus ist abgehalten. Stattdessen ein 30-minütiger Wutanfall: Auf der Bühne steht jetzt Angelica, die Schauspielerin und fragt sich: „Liebe, für was mach ich das hier eigentlich?“ All die Inbrunst, der Schweiß, das Blut“ – nur, um die Liebe eines bornierten Publikums zu gewinnen, das sich wiederrum nur mit Theater beschäftigt, um geliebt zu werden. 

Dem Sinngeflecht von Tod, Liebe, Leidenschaft wird nun die Qual der Langeweile hinzugefügt. Die Publikumsschelte gerät endlos lang, irgendwann stottert Liddell nur noch ihre Schimpftiraden. Der Stier ist tot, die Sprache wird brüchig, ein Stück dekonstruiert sich selbst. Das alles ist natürlich geplant. Ist unheimlich eindrucksvoll. Aber alles gerät zu lang. Die Gesten werden zu groß. Die Musik wird zu laut. Und doch macht alles Sinn, weil Liddells Aufführung Qual auf diese Weise tatsächlich ein Stück weit erfahrbar macht.

Liddell erfüllt also auch an diesem Abend die Erwartungen an sie: Sie hat auch dieses Mal wieder ein großartiges Werk im Grenzbereich zwischen Theater und Aktionskunst nach Avignon gebracht!

 

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