Die Leichtigkeit des Seins

Festival d’Avignon: Nathalie Béasse inszeniert im Cloître des Carmes „Ceux-qui-vont-contre-le-vent“. Ein stiller, berührender Abend

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

Das Bedürfnis nach Harmonie, nach einem Miteinander, es ist immens. Das Publikum beim Festival d’Avignon knuddelt sich vergnügt auf die Zuschauerplätze, mit Maske zwar, aber ohne Abstand. Die Reihen sind eng bestuhlt, die Vorstellungen ausverkauft, Beinfreiheit ist nicht vorgesehen. Im Cloître des Carmes sehen sie zu Hunderten zu, wie die große Verbrüderung, die sie selbst als Theaterbegeisterte gerade in diesem Kreuzgang des ehemaligen Karmeliterinnenklosters veranstalten, auch auf der Bühne zur entscheidenden Triebfeder wird.

So einfach wie auf den Rängen ist die Angelegenheit auf der Bühne allerdings nicht. Nathalie Béasse hat diesen Abend erdacht und inszeniert. Sie schickt sieben Streithammel auf die Bühne, die aus dem gotischen Bogengang des Cloîtres heraus ins Freie treten, darüber zankend, wohin es gehen soll, was getan werden muss. Jeder maßt sich an, dem anderen vorzuwerfen, was der oder die sich alles anmaßt. Eine Familie, ein Freundeskreis, genau lässt sich das nicht sagen. In jedem Fall eine soziale Gruppe, innerhalb der sich die Menschen nicht gleichgültig sind. Der Wunsch nach Zugehörigkeit und Geborgenheit ist groß, und auch nach einer neuen Leichtigkeit angesichts der pandemisch bestimmten Schwere und Vereinzelung. Béasse thematisiert das zwar mit keinem Wort in „Ceux-qui-vont-contre-le-vent“. Aber wie könnte man die Pandemie nicht mitdenken?

Und so gibt es in dieser Inszenierung eine große Sehnsucht nach einer Rückeroberung der Kindlichkeit. All das ist nach wenigen Minuten klar. Was dann noch passiert in den eineinhalb Stunden dieser Aufführung, kommt einer Verzauberung gleich. Nathalie Béasse und ihr Ensemble erschaffen traumschöne Bilder, Szenen voller Poesie, Glück, Ausgelassenheit – aber auch der Beklemmung. Denn immer wieder bleibt einer oder eine aus dem Septett außen vor. Selbst wenn diese Person umringt wird von den anderen, die Ringelreihen um sie tanzen. Der Mensch steht allein in der Mitte jener anderen, die ihn umzingeln – ob beschützend oder bedrohend, bleibt offen. Mittanzen ist jedenfalls nicht erlaubt.

In einer anderen Szene gruppieren sich die Figuren zu einem Foto. Der siebte von ihnen verhüllt die übrigen jedoch, so wie man Decken über Möbel legt in einem Haus, das man für längere Zeit nicht mehr betreten wird. Erinnerungen werden auf diese Weise eingemottet, aber auch die Gegenwart wird es. Gemeinschaft wird zu etwas, das man in die Rumpelkammer des Lebens verbannt. Ob man sie jemals wieder hervorholen wird? Am Ende der Szene schmiegt sich der Verhüller an die Verhüllten wie in das geliebte Sofa der Kindheit, auf dem lange schon niemand mehr gesessen hat.

Dieser Moment zeigt das große Gespür der Regisseurin sowie der Schauspielerinnen und Schauspieler: Denn er hat das Potenzial dazu, ins Kitschige, Aufgesetzte, Überbetonte abzugleiten. Die Szene wagt sich scharf bis an diese Grenze vor. Und löst sich dennoch im richtigen Moment auf, so dass sie ihre maximale Kraft entfaltet und eben nicht schal, nicht peinlich, nicht lächerlich wird.

Großer Übermut macht sich am Ende breit, als Mounira Barbouch, Estelle Delcambre, Karim Fatihi, Clément Goupille, Stéphane Imbert, Noémie Rimbert und Camille Trophème versuchen, Dutzende Luftballons zum Platzen zu bringen. Indem sie hineinbeißen, darauf springen, auf ihnen Kopfstand machen, sie auf die Absätze ihrer Schuhe spießen oder sich unter ihre Hemden stecken und in Karambolagen zerknallen lassen. Auch das eine fein austarierte Choreografie, urkomisch statt albern, subtil statt schrill, Ballett statt Kindergeburtstag.

Ein Theater ist das, das nicht viele Worte macht und auch nicht braucht, um sein Publikum zu berühren.

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