Frau und Königin

Festival d’Avignon: In „Penthésileé*e*s – Amazonomachie“ setzen Laëtitia Guédon und Marie Dilasser den Mythos in einen feministischen Kontext

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Lautes, rhythmisches Trommelschlagen erfüllt die Bühne des ehemaligen Benediktiner-Klosters von Villeneuve-lez-Avignon. Grelle Scheinwerfer blenden das Publikum, Lichtblitze breschen für wenige Sekunden durch das historische Gemäuer, bevor ihr Licht zurück auf die Bühne schnellt. In ihrer Mitte bewegt sich ein Körper. Der Körper eines halb bekleideten Mannes, der sich zu der immer lauter werdenden Musik bewegt. Er verformt sich: Seine Rippen stülpen sich nach Außen, nach Innen, seine Wirbelsäule biegt sich in die seiner unterschiedlichsten Richtungen. Es fehlen nur noch wenige Zentimeter, und der Körper berührt den Boden oder erreicht den Himmel. Mit den Trommelschlägen ertönen immer wieder Laute, Geräusche, kleine Schreie von einer Gestalt im weißen Nachthemd, die sich am Rand der Bühne krümmt. Vier schwarz gekleidete Frauen schreiten auf die Bühne, begleiten die Bewegungen mit sakralen Gesängen, umringen den Mann, strecken ihre Hände nach ihm, als würden sie ihn lenken wollen, als wären sie alle ein Teil eines rituellen Tanzes.

Der Körper, der tanzende Mann in der Mitte der Bühne ist AchilLEs. Eigentlich ist er gekommen, um Penthesilea von sich zu überzeugen, doch nun muss er sich ihr und ihrer Armee aus Amazonen unterwerfen. Mit ihrem Stück „Penthésileé*e*s – Amazonomachie“ schreibt die Regisseurin Laëtitia Guédon bei diesem Festival d’Avignon, gemeinsam mit der Theaterautorin Marie Dilasser, den Mythos der Königin der Amazonen, Penthesilea, um. Ausgangspunkt ist nicht Heinrich von Kleists Drama, das Penthesilea in einem Dilemma darstellt. Die Guédon will den Mythos. Sie will die Gefühle dieser Penthesilea zum Krieger Achill offenbaren, die zu ihrer Bestimmung als Amazone im Widerspruch stehen. Während sich die Königin in Kleists Drama in den Mann verliebt und an den Gesetzen ihres Staates zweifelt, dass Männer nur zur Schaffung der Armee gebraucht werden – nutzt Guédons Penthesilea den Konflikt, um ihre eigene Rolle als Machthaberin und vor allem als Frau zu hinterfragen.

Verpackt wird dieser Diskurs Penthesileas mit sich selbst in eine Art sakrale Erhebungsgeschichte. Gleich zu Beginn schreitet die Amazone, gespielt von Lorry Hardel, in einem schwarzen Trauergewand auf die Bühne in der Chartreuse von Villeneuve. Tritt auf einen Altar aus Kerzen, hinter ihr eine Art Schaufenster auf die Welt. Ein Bildschirm, der anfangs noch Nebelschwaden auf grauem Hintergrund projiziert. Es folgt Marie-Pascale Dubé, die eine Frau im weißen Gewand verkörpert – vielleicht Penthesileas Vertraute Prothoe, vielleicht aber auch die Personifizierung der Erhebung der Frau. Sie krümmt sich auf der Bühne und gibt undefinierbare Geräusche von sich: Töne, Röcheln, Laute, Silben. Erst nach einigen Minuten findet Penthesilea ihre Stimme. Beginnt einen Monolog über ihre Rolle als Königin der Amazonen, über ihre Bestimmung, ihre Armee und vor allem darüber, wie sie sich als Frau selbst erobern musste. Guédon und Dilasser setzen den Mythos der Penthesilea in einen feministischen Kontext. Nicht aufdringlich, sondern sehr fließend verweben sie in der Inszenierung Gedanken und aktuelle Diskurse, die die Rolle der Frau, ihres Geschlechts im Laufe der Vergangenheit und in heutiger Zeit thematisieren. So setzt sich Penthesilea mit ihrem Körper, ihrem zunächst einzigem Territorium auseinander. Mit der Erkenntnis, dass sie sich als einen von der männlich dominierten Welt unabhängigen Menschen erkennen musste, um sich selbst eine Rolle zuschreiben zu können. Sie entdeckte ihre Sexualität, den weiblichen Orgasmus, die Masturbation. Sie hat sich durch ständige Benachteiligung, Reduzierung und Diskriminierung kämpfen müssen, um dort anzukommen, wo sie jetzt ist:  Frau und Königin.

Als AchilLEs ins Bild tritt, ihre Überzeugungen hinterfragt, sie mit seinen Verlockungen an sich ziehen will, widersteht sie. Auch wenn dieser emanzipierten Frau dies nicht so einfach gelingt. Denn kaum ist er im Raum, nimmt er ihn für sich ein. Der Mann verdrängt zunächst die Frauen, die Amazonen, mit seinen fordernden Fragen, seinen Bewegungen und seinem Tanz. Achill ist nicht ein Mann nur, viel eher scheint er das Patriarchat zu verkörpern, das Penthesilea übermannen und den Ort einnehmen will, der bis zu diesem Zeitpunkt ihr gehört. Sein ganzer Habitus aber wird von Anfang an unterlaufen, weil sein Name durch das großgeschriebene LE gegendert ist.

Lorry Hardel monologisiert. Eine Stunde und 40 Minuten. Die Monologe, die Laute der Frau im weißen Gewand – später wird sie halbnackt sein –, die  Musik, die Texte und nicht zuletzt  das Video-Schaufenster, faszinieren. Wir sehen die Bilder von einer zerstörten Industriestadt, Gebirge, Obst, das modert: nature morte. Und wir hören sakrale Gesänge der Amazonen, a capella vorgetragen von vier Sängerinnen. Alle Mittel, eben auch der Tanz des Mannes, haben etwas Hypnotisierendes.  Der Zuschauer wird Zeuge und Teilhaber an einer religiösen Zeremonie. Und sie ist ein feministisches Manifest, das eine Aussicht gibt auf eine Gesellschaft, die sich in einer Idealform von Gender, von Geschlechterzuschreibungen, lösen kann. Guédons  Penthesilea hat diesen Weg beschritten. Gemeinsam haben sie das Patriachat begraben.

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