Kinder – sind die gut!

Festival d’Avignon: Nach einem Jahr Pause wird wieder Theater gespielt in der Provence. „Kingdom“ von Anne-Cécile Vandalem entführt das Publikum in ein sibirisches Königreich.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Endlich wieder Avignon! Nach einem Jahr pandemischer Pause darf das Theaterfestival in eine lang ersehnte nächste Runde gehen. Vierzehn Stunden sind wir Kulturjournalismus-Studentinnen und Studenten sowie Dozenten angereist. Und es fühlt sich an wie immer. Außer, dass alle eine Maske tragen müssen. Dicht an dicht sitzen die Menschen im Cour du Lycée Saint Joseph, der allen für heute ein Königreich sein soll. Gespielt wird „Kingdom“ von Anne-Cécile Vandalem. Und alle im Publikum, die über 1,70 Meter groß sind, haben ihre Knie so weit angezogen, dass sie sie quasi auf dem Schoß tragen. Ich müsste nur meine Hand ausstrecken und könnte meinem Vordermann liebevoll über die Glatze streicheln. Doch die Stimmung ist ausgelassen, Freund:innen winken sich über Reihen hinweg zu, angenehme 27 Grad und ein laues Lüftchen. Der mitgebrachte Pullover wird gleich unterm Stuhl verstaut, den wird man sicher nicht mehr brauchen.

Nach vierzehnstündiger Anreise also endlich angekommen, in Sibirien. Laut Programmheft soll es das zumindest sein, was man da auf der Bühne sieht: Auf der linken Seite ein Wald. Ein ganz kleiner, genauer gesagt: einige Bäume und Bäumchen, die hübsch auf der Bühne platziert wurden. Daneben eine Art Holzfällerhüttchen, ein Zaun grenzt das Grundstück auf der anderen Seite ab.

Dann: Musik. Ohrenbetäubender Lärm, aus dem Hüttchen strömen Menschen und reißen ihre Hälse zum Himmel. Es ist eine Familie, die vor dreißig Jahren irgendwo ins sibirische Nirgendwo ausgewandert ist, alle tragen bunte Kleider, ein bisschen H&M-Katalog, ein bisschen Folklore. Da wirken die beiden Menschen, die aus dem „Wald“ herbeistapfen in ihren schwarz grauen Klamotten und der Kamera auf der Schulter doch sehr außerirdisch. Ein Filmteam, das eine Dokumentation über die Familie drehen will.

Das ist der Ausgangspunkt für Anne-Cécile Vandalem, die „Kingdom“ nicht nur inszeniert, sondern auch selbst geschrieben hat. Dabei hat sie sich stark am Dokumentarfilm „Braguino“ orientiert. Braguino ist der Name einer Siedlung, die 700 Kilometer vom nächstgelegenen Dorf entfernt ist. Dort leben zwei Familien, die sich über die Jahre immer mehr zerstritten haben. Der französische Filmemacher Clément Cogitore hat einen Dokumentarfilm gedreht, und dabei vor allem die Geschichte der Kinder erzählt. Die treffen sich heimlich auf einer Insel im Fluss nahe der beiden Häuser ihrer Familien.

 

Die Kinder bekommen auch in der Inszenierung von Anne-Cécile Vandalem sehr großen Raum, man sieht allerdings zunächst nur die Kinder der einen Familie. Vandalem wollte die Kinder „einfach sein lassen“, und das hat sie auch geschafft, ein Streit zwischen zwei Geschwistern wirkt so echt, dass man sich für einen Moment bei ihnen in der sibirischen Taiga wähnt.

Dazu trägt, ganz im castorfschen Sinne, auch die Kamera bei, die die Familie immer wieder in Großaufnahmen filmt. Das Filmteam schleicht um die Kinder und Erwachsenen herum und filmt – Überraschung – stets die entscheidenden Momente.

Zunächst sind alle Beteiligten skeptisch und betrachten die Kamera argwöhnisch, doch schon bald öffnet sich vor allem der Großvater Philippe, gespielt von Philippe Grand’Henry, dem Filmteam. Die Kamera filmt nah an Philippes Gesicht. Er hat die Augen weit aufgerissen und erzählt von seiner toten Frau. Darunter klingen düstere Klavierklänge. Man merkt schnell, dass alles nicht so harmonisch ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Was an der Inszenierung von „Kingdom“ stört, ist zum einen, dass das Kamerateam so schnell so nah dran ist an der Familie. Ein Dokumentarfilm zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass aus vielen hunderten, tausenden Stunden Material am Ende ein komprimiertes Werk herauskommt (in „Braguino“ sind es am Ende sogar nur 49 Minuten) und die anfangs erfrischende, naturalistische Darstellung mit der Zeit immer mehr an Erfrischung verliert. Wie eine Cola, von der man einen Schluck nimmt und sie dann zu lange in der Sonne stehen lässt.

Ob sich die Cola in der zweiten Hälfte nochmal in ein Erfrischungsgetränk verwandelt hätte? Das lässt sich nicht sicher sagen. Denn, nach vierzehn Stunden Anreise, zu viel französischer Sonne und zu wenig Platz gab es in unseren Reihen einen Kreislaufkollaps.

Wie es wohl weitergegangen sein mag? Entweder – und das hätte ich mir gewünscht – hätten wir endlich das große Drama erlebt, das Aufeinandertreffen der beiden Familien, epische Kämpfe auf der Bühne. Ein bisschen weniger Kamera, und dafür mehr von den Kindern! Oder aber: Es wäre nichts passiert, was wir nicht schon gesehen und befürchtet hatten. Dann hätte sich die Cola in der Sonne zum pappsüßen Heißgetränk vermatscht. Egal. Eines ist schön allemal: Dass man diese Aufführung nicht einfach wie einen Stream unterbrechen und dann weiterschauen kann.  C’est la vie, c’est le théâtre! Enfin!

 

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