Tote Nacktheit

Theater-Kritik: Susanne Kennedy inszeniert Jeffrey Eugenides‘ „The Virgin Suicides“ als ekstatische Reise an den Münchner Kammerspielen.

Von Natalie Broschat

Dreht man sich zu lange im Kreis, wird einem irgendwann übel und man muss aufhören. Zuhause eingesperrt wissen die fünf jungen Lisbon-Schwestern nichts mit sich anzufangen, trist und öde ist ihr Leben. Jungs wollen die Mädchen unbedingt mal „befummeln“, diese „schönen Wesen“, die Herr und Frau Lisbon zur Überraschung vieler gezeugt haben. Doch werden die Mädchen zuhause eingesperrt und jeglicher Freiheit und Entfaltung, vor allem sexueller Natur, beraubt, weil die Eltern genau vor dieser Natur Angst haben. Erlösung aus diesem heimischen Gefängnis finden die Lisbon-Mädchen nacheinander im Freitod, als unberührte Mädchen, „Virgin Suicides“ also.

Der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides hat diese tragische Geschichte 1993 in seinem Debütroman eindrucksvoll erzählt. Aus der Perspektive der fünf Nachbarsjungen, den selbsternannten „Zwillingen“ der Mädchen, werden anhand vieler Erinnerungen und gefundener Objekte die kurzen Leben von Cecilia, Lux, Bonny, Mary und Therese in einer amerikanischen Kleinstadt in den 70er Jahren rekonstruiert.

Junge, Mädchen, alles auf einmal

In der Theaterinszenierung von Susanne Kennedy an den Münchner Kammerspielen stehen nun vier männliche Schauspieler auf der Bühne, die so klein und beengend ist wie das Lisbon-Haus. Die Darsteller sind in schlichte, weiße Hemden gehüllt. Sie tragen Masken, die an japanische Mangafiguren erinnern – die großen Augen gelten dort als Schönheitsmerkmal – und auf dem Kopf tragen sie bunte Blumenkränze. Die Vier sind die Jungs und die Mädchen, Erzählerstimmen und Objekte der Begierde, alles auf einmal. Kennedys Voice-Over-Methode unterstreicht diese Ambivalenz. Die Textausschnitte, die in den Saal hallen, sind vor allem die, die das Verlangen der Jungs auf die Körper der Mädchen und die daraus entspringende Verwirrung wiederspiegeln. Weitere „Voices“ kommen von den Mädchen, doch sind diese nur Töne, sonore Gesänge, die ihrer Langeweile entspringen. Ein künstliches Computerwesen zitiert den LSD-Theoretiker Timothy Leary („Das Ziel dieser Reise ist Ekstase“) und tanzt immer wieder über eine der dreizehn Videoleinwände, die rund um das Bühnenbild drapiert sind. Die Anordnung erinnert an Susanne Kennedys letzte Arbeit „Medea.MATRIX“, die für die Ruhrtriennale 2016 konzipiert wurde, und in der ebenfalls ein Computerwesen über die Screens tanzte.