Beim Daten Mäuschen spielen

Ein Gespräch mit Camill Jammal über das Online-Theater-Stück „Zeitfuereinander“.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Camill Jammal, an fünf Tage hintereinander online eine halbe Stunde „Zeitfuereinander“ zu gucken, fesselt wie eine Soap opera. Was macht es so spannend, anderen beim Daten zuzusehen?

Ich denke, das liegt am Geheimnis, das man bei jeder Figur in der Tiefe vermutet. In fünf Minuten lässt es sich nicht lüften. Aber man spürt: Da ist was. Menschen sind schließlich vielschichtig.

Fünf Minuten zum Kennenlernen sind ja auch nicht gerade üppig.

Über die Länge einer Folge von „Zeitfuereinander“ haben wir lange diskutiert. Was kann man dem Zuschauer vor dem Bildschirm zumuten? Dabei wurde ziemlich schnell klar, dass es eine zweite Dating-Runde geben wird, die die Zeitspanne zum Kennenlernen verlängert und Platz schafft, um in die Tiefe zu gehen.

„Zeitfuereinander“ geht also weiter?

Genau. Da werden sich Paare, die sich füreinander entschieden haben, virtuell wiedertreffen. Allerdings steht ihnen dann mehr Zeit zur Verfügung. Ich verrate jetzt natürlich keine Konstellationen. Aber es werden deutlich tiefere Einsichten zu sehen sein.

Wie haben Sie die Figurenkonstellationen denn vorab zusammengestrickt?

Das war ein gemeinschaftliches Zusammenarbeiten ohne Hierarchien. Mit der Ausnahme, dass Anne Lenk, die mit mir zusammen Regie geführt hat, die Gespräche mit den Schauspielern geführt hat. Das konnte ich nicht mitübernehmen, da ich als Schauspieler mitgearbeitet habe. Weil die Zusammentreffen vor der Kamera improvisiert sind, durfte jeder von uns Schauspieler*innen auch nur das wissen, was die anderen ihm vorspielen und nichts darüber hinaus. Vorab musste nur sichergestellt sein, dass sich in den fiktiven Lebensläufen nichts doppelt oder überschneidet. Meine Figur ist ein Filmregisseur, der sich immer wieder auf seine neueste Produktion bezieht. Für diesen fiktiven Film habe ich ein Treatment geschrieben, das alle anderen gelesen haben. Sie konnten sich eine Meinung dazu bilden. So gab es einen Anknüpfungspunkt im Gespräch.

Gab es die Idee zu diesem virtuellen Stück schon vor Corona?

Eine ähnliche Idee von Anne Lenk gab es tatsächlich schon, die Krise hat sie dann aber ganz schnell zum Leben erweckt. Anne Lenk und ich arbeiten bereits lange zusammen; und wir wollten immer schon die besondere Perspektive und Qualität einer Laptopkamera ausnutzen. Von Anfang an war klar: Wenn wir ein Theaterprojekt von zu Hause starten, dann soll dieser technische Umstand ganz konkret miteinbezogen werden. Das Format Online-Dating bot uns die Möglichkeit, dieses Sitzen vor dem Laptop ganz mit einzubeziehen.

Ein geschickter Schachzug. Dadurch wirkt „Zeitfuereinander“ so authentisch. Realitätsnah macht es auch die leidige Frage nach der Technik: Sätze wie „Ich kann Dich nicht sehen“ oder „Mit dem Ton stimmt was nicht“ kennen die meisten von uns aus eigener Online-Meeting-Erfahrung. Waren diese Probleme echt?

Es war genauso. Nichts daran gespielt. Wenn der Ton hakt, dann war das bittere Realität. Wir wollten kein auf Hochglanz getrimmtes Fernsehformat machen. Deswegen bleiben auch die Fehler drin.

Wer war denn verantwortlich für die Raumausstattung?

Jeder Schauspieler selber.

Sehr interessant, was dabei herausgekommen ist.

Absolut! Lisa Hrdina, die die Miroslawa spielt, hat beispielsweise einen virtuellen Hintergrund gewählt, man sieht sie im Weltraum. Für uns andere Schauspieler war der erste Blick in ihren Raum natürlich gigantisch. Das Setting hat eine tolle Dynamik bewirkt, weil wir direkt losgespielt und damit auch diesen Überraschungsmoment verarbeitet haben.

Wie war denn das Spielen vor der Laptop-Kamera?

Ich hatte nicht das Gefühl, als würde ich aufgenommen werden. Im Grunde spielt man eher für sich selber und das direkte Gegenüber. Die Kamera spielt eigentlich gar keine Rolle mehr.

Macht das die Situation intimer?

Ja. Der Abend der Aufführung, der jetzt schon rund zwei Wochen zurückliegt, war für uns Schauspieler wirklich aufregend und hat sich angefühlt wie eine Premiere. Wir waren während der Aufzeichnung per SMS und E-Mail in Kontakt, haben uns anschließend in einer Videokonferenz getroffen und zusammen angestoßen.

Trotz all des Kummers in dieser besonderen Zeit: Städte- oder theaterübergreifende Zusammenarbeit wie diese sind doch eine schöne Entwicklung, oder?

Ja, total. Ein Hauptantrieb lag für uns im gegenseitigen Vernetzen mit Freunden, Kollegen und anderen Theatern. Für dieses Projekt läuft zum Beispiel die ganze Kommunikation über eine gemeinsame Plattform und es ist schön zu sehen, wie die Theater sich austauschen und miteinander arbeiten.

Denken Sie, dieses Arbeiten lässt sich in die Zeit nach der Krise hinüberretten?

Das wäre absolut wünschenswert. Ich hoffe es sehr.

Das Theater wandert derzeit gezwungenermaßen in den virtuellen Raum: Meinen Sie, es werden fortan neue Wege gegangen?

Ja. Trotzdem ist das Theater, so wie ich es kenne und wie ich es liebe, ein analoges Format. Diese Unmittelbarkeit macht das Theater schließlich aus. Wir werden uns in Zukunft trotzdem noch viel mehr mit dem Darstellen im virtuellen Raum beschäftigen müssen, denn da stecken wir noch in den Kinderschuhen. Ich denke aber, es wird noch dauern, bis etwas Eigenständiges entsteht. Ein Ersatz für das Theater wird es aber bestimmt nie – und soll es auch nicht sein.

Im Moment ist ohnehin anderes spannend: Welche Pärchen werden am Ende der ersten Staffel gematcht sein …

Freuen Sie sich auf die zweite Staffel: Wir wollten natürlich Konstellationen weiterkommen lassen, deren Geschichten interessantes Konfliktpotenzial bieten. Die ein oder andere Paarung sorgt dabei sicherlich für Überraschung!

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.