Mir geht es nur um die Kunst

Das sollte eigentlich ein Text über virtuelle Theaterbesuche werden. Dann wurde es vor lauter Nostalgie ein Text über analoge Theaterbesuche – und den Weg dahin.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Na gut, dann eben so. Mein Laptop steht um Punkt 18 Uhr auf meinem Wohnzimmertisch, diverse Snacks habe ich hübsch in Schüsseln verteilt und daneben drapiert. (Ich schwöre, so etwas habe ich bisher noch nie getan). Für mein neues digitales Theatererlebnis muss ich mir nicht einmal Schuhe anziehen, geschweige denn die Haare kämmen oder Wimperntusche auftragen. All I ever wanted – und auf einmal finde ich es blöd. Ich vermisse es, fluchend in hohen Schuhen zur Trambahn zu rennen, die gerade noch zu erwischen und in der Maximiliansstraße, gerade als sich mein Puls beruhigt hat, ganz nonchalant aus der Tram zu stolpern und zum Eingang zu huschen – wo habe ich meine Karte.

Die habe ich doch eingepackt, die lag auf der Kommode. Aber kann es nicht sein, dass sie noch im Bad – nein, da hatte ich sie eingesteckt. Ganz sicher. Oder?!  – der Puls geht wieder nach oben, als ich panisch sämtliche Taschen durchsuche. Die Schlange hinter mir verlängert sich und ich kann den verachtenden, feuchtfröhlichen Atem eines Co-Theatergängers im Nacken spüren. Ich finde, in diesem Fall könnte man das mit dem Mindestabstand ruhig beibehalten.

Da, endlich, in Tasche 73 finde ich die Karte und halte sie dem mitleidig lächelnden Einlasspersonal unter den Scanner. Im Foyer habe ich sowieso keine Zeit mehr für einen Sekt, nur noch schnell die Jacke abgeben – Moment mal, ist das da drüben nicht der Dings von dem Dings damals da, der, soll ich rübergehen? Nee, ist ja sowieso keine Zeit mehr, ach man, ich erkenn den aber auch nicht wirklich, wieso kneif ich denn meine Augen so … – Brille in der Tasche vergessen, also nochmal zurück zur Garderobe. „Könnte ich vielleicht nochmal ..., äh, ach so die Garderobenmarke, ja klar …“

Friemeln in der Hosentasche, wieder kurze Panik, doch in der linken Hosentasche. Ganz lässig klatsche ich die Garderobenmarke auf den Tisch und versuche mich so hinzustellen, wie coole Typen in Westernfilmen immer dastehen, ein Bein eingeknickt und den Kopf leicht schief. Mir fehlt nur noch der Strohhalm zwischen den Zähnen.

Die Garderobendame guckt mich etwas irritiert an. „Is eahna schlecht?“ Sofort gebe ich meine Haltung wieder auf, lächle nur und packe meine Tasche. „Bin gleich wieder da.“ Die Frau an der Garderobe ist immer noch irritiert und ich schließe daraus, dass das wohl ihr neutraler Gesichtsausdruck ist, oder hoffe es zumindest. Ich wuchte meine Tasche auf den Boden neben der Garderobe und versuche mich irgendwie elegant daneben zu knien (klappt nicht) und finde tatsächlich meine Brille, die ich in irgendeinem Anflug von Genialität eingepackt haben muss.

Zum dritten Mal gongt es durch das Foyer, nur noch ein paar vereinzelte, verwirrte Gestalten, die immer schneller werden, wandeln in Richtung Zuschauerraum, ich bin eine von ihnen. Natürlich sitze ich in der Mitte. Es gibt nichts Peinlicheres, als schon sitzende Menschen zum Aufstehen zu zwingen – Ich sollte wirklich eine Trambahn vorher nehmen. Nein, am besten zwei. Am allerbesten wäre es eigentlich, wenn ich laufen würde, ist sowieso viel gesünder.

Beim nächsten Mal mach ich das. Nichts wird mich abhalten! – denke ich und bin ganz stolz auf meine zukünftige Pünktlichkeit, während ich mich an einem Herren mit dunkelblauem Tweedsacko vorbeizwänge – sein Bauch streicht liebevoll meine Wange – hab ich die Herdplatte ausgemacht? Wieso eigentlich immer diese Herdplatte, ich koche doch sowieso nie! Doch, manchmal! Am Dienstag zum Beispiel. Aber das wäre mir doch aufgefallen, wenn ich drei Tage lang die Herdplatte angelassen hätte. Oder? – Meine Freundin Maria reißt mich aus meinen Gedanken und auf den Sitz neben mich. „Wo warst du denn so lange?“ Ich murmle irgendwas von „Trambahn kaputt“ und deute mit wichtig aussehenden „Still-jetzt-Zeichen“ auf die Bühne, obwohl sich da noch gar nichts bewegt.

Endlich sitzen. Endlich gucken. Nirgendwo kann man Leute so gut beobachten wie im Theater. Jeder versucht in den stocksteifen Polsterstühlen möglichst lässig dazusitzen und so zu tun, als würde man sich überhaupt nichts daraus machen, dass da noch andere Leute sind. Wirklich jeder hat dann diesen „Es interessiert mich überhaupt nicht, wer hier noch alles ist, mir geht es nur um die Kunst“-Blick. Etwas unangenehm, aber amüsant. Ich weiß gar nicht, wie die Leute das aushalten, die schon 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn auf ihren Plätzen sitzen.

Und dann kommt der Moment. Der Moment, wenn das Ensemble auf die Bühne tritt und das Publikum einmal kollektiv einatmet. Erst mit Mund zu, dann noch offen, als würde man den Rest des Abends nicht mehr atmen können. „Mmmhhmmthaaa“ macht der ganze Raum.

All das vermisse ich, als ich unmotiviert auf meinem Laptop herumtappe und den Stream starte, den ich ganz einfach stoppen kann, um mir etwas zu essen zu holen, und wenn ich etwas nicht verstanden habe, nochmal kurz zurückspule. Natürlich, das ist ein „first world problem“ und ich sollte mir lieber Gedanken darum machen, wo ich Klopapier herbekomme. Aber das krieg ich schon irgendwie hin. Nur das Theater, das kriege ich nicht alleine hin. Ich kann es kaum erwarten, wieder zur Trambahn zu rennen.

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