Schabbat Schalom!

Beobachtungen eines Feiertagsjuden an sich selbst.

Von C. Bernd Sucher

Von C. Bernd Sucher

Von C. Bernd Sucher

C. Bernd Sucher

Ich bin der, den Franz Kafka einen „Feiertagsjuden“ nannte. Menschen wie ich erscheinen in der Synagoge immer an Yom Kippur, dem Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, an dem Juden G’tt um Vergebung bitten Manchmal bin ich auch an Chanukka und Pessach in der Synagoge gewesen. Und wenn eine liebe Freundin es schaffte, mich zu überreden und mich mitzunehmen, habe ich auch den G’ttesdienst – die Teffilah – am Freitagabend gefeiert, den Kabbala Schabbat. Aber recht eigentlich genügte es mir, am Samstag nichts zu essen, was absolut unkoscher ist – also Schweinernes oder Meeresfrüchte – und mir eine Challa zu besorgen, einen Hefezopf, der traditionell an Schabbat gegessen wird, außer an Pessach – da muss es Mazze sein, die aussieht und schmeckt wie eine bräunliche Tapete.

In den vergangenen, von Corona gezeichneten Wochen und an den Tagen, an denen die Krise weiter zu spüren sein wird, ist alles anders. Die liberale jüdische Gemeinde in München – Beth Shalom – und ihr intelligenter und zudem witziger Rabbiner streamen die Teffilah am Freitagabend, aus der Synagoge zu uns, aufs Land. Wir sitzen vor dem Bildschirm – ich singe mit, ich lese mit, wir stehen auf, wenn der Rabbiner uns aufzustehen heißt, wir zünden die zwei Schabbat-Kerzen an und brechen die Challa, die ein Bäcker im Nachbardorf für uns bäckt – jeden Freitag. Nur jetzt nicht. Am Mittwoch beginnen die Pessach-Zeiten, mit der Mazze. Freunde, die es sehr gut meinen – fast zu gut – haben  zwei Pakete, also zwei Kilo, geschickt, an denen wir wochenlang werden zu knabbern haben.

Kurz, der Erreger ist ein Anreger ganz besonderer Art: Feiertagsjuden werden jetzt in der Isolation nicht frommer, nicht gläubiger – falls man gläubig überhaupt steigern kann –, aber sie bemerken, dass es schön ist, gemeinsam zu beten und zu singen, Kilometer voneinander entfernt. War es klug, G’ttesdienste aller Religionen zu verbieten? Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass es nicht der Gebäude bedarf – um zu beten und das Leben zu feiern. Aber, wenn ich wieder darf , werde ich in der Synagoge sein und nach der Teffilah dem Rabbiner die Hand drücken und Freunde umarmen: „Schabbat Schalom!“

 

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