Ein Monat auf dem Land

Home Office als Urlaub auf dem Bauernhof: Von glücklichen Momenten der neuen Einsamkeit.

Von C. Bernd Sucher

Von C. Bernd Sucher

Von C. Bernd Sucher

C. Bernd Sucher

Wir machten es wie Natalja Petrowna und ihr Mann Arkadi Islayev in Turgenjews sehr selten auf deutschsprachigen Bühnen gezeigter Komödie. Als wir hörten, dass die Theater, die Oper und die Konzertsäle geschlossen würden, dass wir besser nicht mehr auf die Straße gehen und soziale Kontakte so weit wie möglich einschränken sollten, entschieden wir, ohne lang darüber zu diskutieren – was wir sonst bei allen möglichen Themen gerne machen – : freiwillige Quarantäne im Chiemgau. Ein Monat auf dem Lande!

Nein. Wir hamstern weder Toilettenpapier noch Hefe, wir hamstern gar nichts. Unser Vorrat an Pasta ist ausreichend, und passierte Tomaten gibt es auch und Tomatenmark. (Parmesan werden wir ersetzen müssen durch Emmentaler.) Marmeladen hatten wir im Sommer eingekocht, sogar Quittengelee. Eigene Bohnen und Erbsen wurden eingefroren, worüber sich manche Freunde lustig gemacht hatten. Und die Weinregale sind voll. Wir wollten sie zur Fastenzeit meiden, haben es uns aber anders überlegt. Den Bäcker im nächsten Dorf kennen wir gut – er bäckt (nicht nur uns) das leckere Sauerteig-Baumburgbrot und am Freitag sogar die Challot für den Schabbat. Die netten Bedienungen bei Edeka lassen uns nicht hängen und  nicht die Fischzüchterin. Der Wochenmarkt lebt, auch wenn niemand mehr an den Ständen das Plaudern beginnt.  Home office ist, ich traue es mich kaum zu schreiben, Urlaub auf dem Bauernhof. Ohne Kühe, aber immerhin mit einem Hofhund.

Mein von Oscar Wilde übernommener Spruch, dass ich auf alles verzichten könne, nur auf Luxus nicht, hat sehr schnell eine andere, nie geahnte, wundersam schöne Bedeutung gewonnen – und seine ursprüngliche verloren. Ich schäme mich, dass ich ihn einmal ganz anders verstand. Der Luxus ist die Einöde! Ein Leben zu zweit zwischen Feldern, die jetzt geodelt werden – Ferienduft. Das Spazieren durch Wälder – über uns die Falken. Die Primeln im Rasen. Der Spatz im Forsytienstrauch. Nie haben wir so dankbar die Einsamkeit genossen wie jetzt. Uns genügt die Arbeit im Garten, das Lesen, Schreiben, Klavierspielen, das Scrabbeln und die Netflix-Serien am Abend.

Was ist anders? Wir telefonieren mehr; wir schicken viele Whatsapps, wir skypen und zoomen; und eine Freundin macht sich einen Spaß daraus, uns rätseln zu lassen – Kulturrätsel: eine gothische Kapelle, ein Altar, ein Engel, eine Burg. Wie schön, dass wir sie haben sehen dürfen und uns jetzt erinnern. Und noch etwas ist anders: Die Sorge um die Zukunft wird besiegt von der Dankbarkeit. Der so oft geschriebene und gesprochene Satz: Bleibt gesund bis zum Wiedersehen, er wird nicht allein zu einer Erklärung der Solidarität, sondern der Zugeneigtheit, der Nähe in Zeiten, da sie verboten ist. Das erste, was wir machen werden, wenn Nähe wieder erlaubt werden wird: Mit Freunden zu feiern – auf dem Lande! Und dann werde ich ein Gedicht vorlesen, von Friedrich Rückert: „Lebensglück!

Sei unbetört und unverstört! / Was zu des Lebens Glück gehört, / Hat dir ein Gott gegeben; / Und was er dir nicht gab, gehört, / O glaube es, nicht zum Leben. // Was du nicht hast, das ist die Last, / Die du nicht aufgeladen hast; / Du hast die Lust am Leben. / Sei unverstört und unbetört! / Was zu des Lebens Lust gehört, / Das hat dir Gott gegeben.

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