Meine Ruh ist hin

Die Münchner Kammerspiele haben mit „Yung Faust“ ein Experiment gewagt: eine Inszenierung von zu Hause aus. Gesehen von: zu Hause aus.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.
Normalerweise ist es der Bühnenrand, der Julia Riedler vom Zuschauerraum trennt. Heute ist es der Rand ihres Laptops. Sie ist Teil des Ensembles von „Yung Faust“, einer Bearbeitung von Johann Wolfgang von Goethes „Faust“. Die Regisseurin Leonie Böhm hat diesen Text 2018 an den Münchner Kammerspielen inszeniert, die Produktion wurde zum Radikal Jung Festival am Münchner Volkstheater eingeladen; und die Aufführungen waren fast immer ausverkauft.

Am 24. März 2020 wurde  wieder gespielt. Und alles war anders!. Die drei Schauspieler*innen schalteten sich alle von zu Hause zu. Julia Riedler vor einem Bücherregal, Benjamin Radjapour inmitten von Tulpen und Pflanzen, Annette Paulmann auf einem Sessel nebst Wlan-Router, und der Musiker Johannes Rieder mit Keyboard in einem gemütlichem Wohnzimmer.

 Es hat etwas Befremdliches, die Schauspieler*innen in ihrem Zuhause zu sehen – waren es überhaupt ihre Räume? So eingeschlossen und so intim. Die ersten paar Minuten, als Julia Riedler ihren Anfangsmonolog hält, sind so seltsam beklemmend, dass man den Laptop zuklappen möchte. Das ist doch nicht echt! Das ist kein Theater. Was macht sie da? Langsame Verzweiflung. Doch, wie so oft: Es hilft, sich darauf einzulassen. Still zu sein und zuzuhören.

 Die Kammer 4, der virtuelle Spielraum der Kammerspiele, wird voller. Waren da am Anfang noch 80 Zuschauer, sieht man, dass immer mehr Menschen sich diese Aufführung anschauen. Es wirkt fast, als könnten die Schauspieler alle, die sich das gerade ansehen, auch selbst sehen, so präsent sind sie.

Weil sie da sind. Weil sie sich trauen, albern zu sein. Weil sie die Realität ausblenden. Weil sie die Realität nicht ausblenden. Geht ja auch gar nicht anders, allein schon wegen der ungewohnten Technik. „Der Host hat sie gebeten, ein Video zu starten“, hört man Annette Paulmann aus dem Hintergrund. „Hallo, hört ihr mich?“

Nachdem man sich, etwas frustriert, zahlreiche Verfilmungen von Inszenierungen angesehen hat, merkt man wieder, was das Beste am Theater ist. Das im Jetzt-Sein, auch „Live-Charakter“ genannt.  Was wir auf dem Bildschirm sehen, passiert jetzt. Na gut, vielleicht um ein paar Minuten verzögert. Erstaunlich, wie gut das funktioniert. Auch die Interaktion. Mit einem Link kann man dem Zoom-Meeting der vier Darstellerinnen beitreten und für ein paar kurze Momente mit ganz viel Delay ist der Bildschirm auf einmal voll von Menschen, die ganz fasziniert und fassungslos auf ihre Bildschirme starren. Die aufeinander reagieren. Auch wenn das nicht so easy läuft wie geplant, hat man doch schon ein paar Minuten des Tages nur mit Lachen verbracht. Über die selbstgemalten Schilder, über die Freude der anderen Menschen, über die Zeichensprache im Bild.  

Bemerkenswert ist auch, wie der Text (noch einmal mehr) in den Vordergrund rückt. Wie sehr er für sich allein steht und wie er in einen neuen Kontext gesetzt wird. Bei „anettepaulmann55“ sieht man im Hintergrund ein Plakat von „Yung Faust“, man sieht, wie sehr diese Inszenierung auf das Körperliche ausgelegt war: Die drei Schauspieler*innen berühren sich, es wirkt fast, als würden sie ineinander verschmelzen. Umso härter der Kontrast, dass die vier Darsteller*innen in Rechtecken gefangen sind, aus denen sie nicht herauskommen, die ihnen keinen physischen Kontakt zu den anderen erlauben. Da bekommt Fausts Ausspruch „Ach dürfte ich dich fassen und halten und küssen dich, so wie ich wollt“ eine ganz neue, starke Bedeutung.

Mit dieser Inszenierung für das Netz haben die Münchner Kammerspiele und vor allem die Regisseurin und die Darsteller*innen von „Yung Faust“ bewiesen, wie Theater in diesen Zeiten funktionieren kann. Und sie haben noch einmal daran erinnert, wie gut es uns allen doch geht. „Wir sind frei!“,schreit Julia Riedler – auch wenn wir in Quarantäne sind. Und daran müssen wir uns immer wieder erinnern.

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