Bodenständige Diva

Die Schauspielerin Julia Windischbauer ist mit 23 Jahren die Jüngste im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Zum Interview in einem plüschigen, überfüllten Café  in der Münchner Maxvorstadt – da gab es noch kein Social Distancing – kommt Julia Windischbauer mit dem Auto. Sie wohnt „ a bissl außerhalb“, außerdem liebt sie Autofahren. Bloß die Parkplatzsituation sei „a Schaß“, sagt die gebürtige Linzerin.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Was kann das Theater, was der Film nicht kann? 

Im Theater kann man sich jedes Mal was Neues vornehmen, was Neues überlegen. Wenn ich heute einen schlechten Tag habe und rumschreien möchte, dann mach ich das eben. Oder wenn ich müde bin und mich wach halten muss, dann mach ich halt a bissl Spompanadln. 

Was sind Spompanadln?

Das ist österreichisch für Witzeleien.

Ein herrlicher Ausdruck! Und beim Film gehen keine Spompanadln? 

Na, doch, schon, aber der ist nicht jeden Tag aufs Neue veränderbar, weil’s den dann ja schon „gibt“, wenn den mal wer sieht. Und auch meine Gesichtsbeweglichkeit ist auf Stufe 10 von 10, das kommt mir auf der Bühne sehr zu Gute, im Film eher nicht. Ich muss mich immer total auf mein Gesicht konzentrieren. , damit es nicht zu besagten ungewollten Spompanadln kommt.

In einer Kritik stand schon einmal etwas über dein Gesicht, du wärst „eine Jugendstilschönheit“. Weißt du was das ist? 

Ich hab das tatsächlich danach gegoogelt und hab mir Gedanken gemacht, aber zu nichts Wirklichem gefunden. Ich bin jetzt einfach so verblieben, dass mir schon als Jugendliche sehr oft gesagt worden ist, ich sähe alt aus. Aber nicht alt im Sinne von Jahren.

Sondern wie aus einer anderen Zeit. Also liest du Kritiken? 

Ja. Auf jeden Fall. Mir wird immer gesagt, dass ich es nicht tun soll. Ich hatte eine Premiere, da waren die Kritiken nicht so cool, und ich hab die gelesen und von einer Kritik zur nächsten ist mir das Gesicht eingeschlafen. Ich kann dann auch drüber lachen, wenn es eine Zeitung ist, die zum Beispiel sehr viel konservativeren Inhalt bringt und ich einfach nichts damit anfangen kann. Und natürlich, das kann ich auch ganz ehrlich sagen, schmeichelt es mir, wenn da was „Positives“ über mich steht. 

Wie beeinflusst dich die Kritik im Spiel?

Ich würde sagen, ich richte mich nicht danach, und versuch mich aber auch nicht davon beeindrucken zu lassen. Man merkt das direkt an der Vorstellung danach: Ui, man muss trotzdem jedes Mal wieder neu arbeiten, obwohl man vielleicht Lob bekommen hat. 

Aber du hast dich nicht ganz dem Theater verschrieben, du bist ja auch in einer Filmagentur.  

Nein, überhaupt nicht. Ich hab zwar immer Theater gemacht, aber nur weil es nicht anders ging. In Linz, wo ich aufgewachsen bin, gab es einfach keinen Anknüpfungspunkt für Film.

Egal ob Film- oder Theaterschauspielerin: Dein Plan stand also schon früh fest.

Jo, ich würd schon sagen. Ich hab immer schon wahnsinnig gern getanzt, gesungen und war ein lustiges Kind, hab meine Familie ständig entertained. Mein Opa war Schauspieler und mit dem habe ich das erste Mal zusammengespielt, den „Froschkönig“, ich als Frosch, er als König, schon kloar, versteht sich. 

Dann hat dein Opa dich ausgebildet? 

Als Erster, ja! Mit zehn Jahren wollte ich dann auf eine Musicalschule, wurde aber nicht genommen, weil ich nicht singen konnte. Dann hab ich eine andere Musicalausbildung nebenher gemacht und gemerkt, des is‘ super, mit dem Singen und Tanzen, aber was is‘ mit‘m Schauspiel, was is‘ da los? Und irgendwann hab ich dann in die Freundschaftsbücher nicht mehr reingeschrieben „Musicaldarstellerin“, sondern „Schauspielerin“.  

In Freundschaftsbüchern muss man ja manchmal wahnsinnig weit in die Zukunft schauen! Was würdest du jetzt in Freundschaftsbücher schreiben, wo du dich in zehn Jahren siehst? 

(Pause) Ich möchte gerne ein glückliches Leben geführt haben. 

Was heißt das? 

Glück hat für mich keine universelle Bedeutung, sondern definiert sich nur von Tag zu Tag. Heute macht es mich glücklich, im Bett zu liegen und „Fleabag“ zu gucken – ich habe jetzt endlich angefangen – und vielleicht noch a bissl Auto zu fahren, und vielleicht macht es mich in einem halben Jahr glücklich eine schöne Wohnung zu finden – in Berlin.

Wo du dein nächstes Engagement antrittst, du gehst ans Deutsche Theater. Herzlichen Glückwunsch.  

Vielen Dank!  I

Du wurdest direkt von der Schauspielschule an die Kammerspiele geholt, wie hast du das geschafft?  

Harte Arbeit und Glück. Das ist aber auch mein kapitalistisch geprägtes Weltbild, das von mir verlangt, du musst so viel arbeiten, wie es geht und dann wirst du schon kriegen, was du verdient hast. Und deswegen habe ich mich im Studium schon sehr reingehängt, hab diese Sternchenaufgaben auch noch gemacht. Unter anderem hatte ich die Möglichkeit, bei einer Masterclass der Regisseurin Nicola Hümpel dabeizusein, da haben wir das Projekt „Heaven in Pity“ gemacht und ich konnte sehr viel von mir zeigen.

Und das hat die Intendanz gesehen. 

Genau. Am nächsten Tag hab ich dann einen Anruf bekommen mit der Frage nach einem Treffen im Café. Und dann kam eine Woche später der Anruf, dass sie mich im Ensemble wollen. 

Dann ging das also alles ganz schnell. Du hast ja parallel die Schauspielschule weitergemacht. Musstest du Dinge aufgeben? 

Ja, das war hart! Und es hat wehgetan. Trotz aller Höhen habe ich in dem Jahr einige Freundschaften verloren. Es ist das Opfer, das ich nie gehofft hab bringen zu müssen. Das klingt jetzt so, als hätte ich 30 Jahre Erfahrung und bin wahnsinnig verbittert. Aber ich bin froh, dass es mir jetzt passiert ist und nicht erst in fünf Jahren.

Willst du berühmt werden?

Ich hab früher immer gesagt, mich interessiert es überhaupt nicht, berühmt zu werden, ich will einfach immer nur spielen. Hauptsache ein Job. Egal wo. Aber mittlerweile merke ich, mit einem Bekanntheitsgrad, wenn Leute deinen Namen kennen, kann man mehr verändern.  

Wie meinst du das? 

Nehmen wir das Beispiel Sandra Hüller.  Die spielt gerade den Hamlet in Bochum, das Stück wurde zum jetzt leider abgeblasenen Theatertreffen eingeladen, und die Leute gehen nicht wegen Hamlet und nicht wegen einer weiblichen Besetzung rein, sondern wegen Sandra Hüller. Das ist cool. 

Ist Sandra Hüller dein Vorbild? 

Ich find Vorbilder total schrecklich. Weil ich immer das Gefühl hab, ich muss mich drunterstellen. Aber natürlich gibt es Leute, die mich inspirieren und beeindrucken, aber ich will nicht werden wie jemand anders. Ich will werden, wie ich werde. 

Das klingt sehr selbstbewusst.

Jo, ich weiß. ich bin auch eine Diva. Aber das ist vielleicht mein Ziel in zehn Jahren: Eine bodenständige Diva zu sein. 

Die ohne Schauspielerei nicht leben kann. Darf man das so platt sagen? 

Doch, das könnte ich schon, ich weiß es nicht, ob auf meinem Einkommensbescheid unbedingt „Schauspielerin“ stehen muss.

Auf deinem Instagram-Account sind sehr wenige Bilder von dir und die meisten von anderen Leuten, du bist ja auch Fotografin. Wie bist du denn dazu gekommen?

Meine Mutter ist Fotografin und Grafikerin. Als ich angefangen hab, Schauspiel zu studieren, wollte ich mich natürlich „selbst finden“ und bin alleine zwei Wochen nach England gefahren und meine Eltern haben mir eine Kamera geschenkt. Wieder in München hab ich dann immer Leute einfach portraitiert und denen hat das gut gefallen und ich hab gemerkt, dass ich scheinbar „a Hanterl“ dafür  hab. Damit hab ich mir dann das Leben neben dem Studium finanziert. 

Was fasziniert dich am Portraitieren von anderen Menschen? 

Ich hab manchmal das Gefühl, es ist das Gegenteil von Schauspiel. Als Schauspielerin beobachte ich andere Menschen, höre zu, versuche aufzunehmen und spiegle das dann durch mich wieder. Als Fotografin nehme ich etwas von den anderen und mach es aber nicht zu meinem, sondern versuche festzuhalten, was diese Person eben ausmacht.

Wie schaffst du es, auf den Theaterbühnen die Emotionen jeden Tag immer wieder abzurufen, auch wenn du die gar nicht empfindest?

Mir fällt nur dieser platte Sager ein, der aber für mich zutrifft: „Fake it till you make it“ – hab ich das schon gesagt? 

Nein.

Ich war in Amerika vor vier Jahren und da wurde mir das – total klischeehaft – gesagt, als ich erzählt hab, ich will Schauspielerin werden. Um weinen zu können, muss ich nicht schlechte Laune haben oder traurig sein, aber ich muss es sehr, sehr gut faken können.  Ich persönlich mach es bisher nicht so, dass ich mich in die Emotionen einarbeite. Privat bin ich eher selten wütend. Die Bühne ist mein wunderschönes kleines Wutventil, dass ich da so aufdrehen kann. Das heißt nicht, dass ich im Privatleben sonst nicht wütend sein kann, aber ich kann es auf der Bühne einfach machen. Ich brauch keinen Grund dafür, dich jetzt anzuschreien, ich brauch keinen Grund dafür, glücklich zu sein.

Wie sieht denn dann deine geheime Formel aus? 

Ich nehme ein bisschen von dem Text, ich nehme ein bisschen von der Situation, ich nehme ein bisschen vom Kostüm, ich nehme ein bisschen Licht, ich nehme ganz viel von der Spielpartnerin, oder vom Spielpartner, und ich nehme mich. Und dann haut man das zamm, und es wird sich schon was ergeben. „Schauma moi“.

Wie verbringst du die Corontäne?

Ich versuche irgendwie, eine Routine aufrechtzuerhalten, die bei mir aber grade aus Super Mari-Zocken, dann ein paar Seiten eines Buches lesen – ich lese gerade „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez, sehr zu empfehlen – und aus Spanisch lernen besteht, wozu jetzt mal die Zeit da ist, das ist klasse. Und Spaziergänge, die weiß ich immer mehr zu schätzen.

Was passiert momentan künstlerisch bei dir und im Ensemble?

Ja, künstlerisch passiert bei mir leider grade sehr wenig. (lacht)
Momentan bin ich noch auf der Suche nach Wegen, die sich für mich gut anfühlen.
Im Ensemble bleiben wir per Videokonferenzen in Kontakt und besprechen die Lage und ihre Möglichkeiten. Es gibt jetzt schon auf muenchner-kammerspiele.de jeden Tag ab 18 Uhr ein neues Stück on demand, 24h lang und auch hin und wieder Live-Performances in times of physical distancing oder Lesungen und Ähnliches zum anschauen.

Was glaubst du, kannst du aus dieser Zeit ziehen?

(Pause.) Auf jeden Fall mehr Ruhe im Alltag.
Ich hab gedacht, dass ich eigentlich ein Mensch bin, der viele Dinge wertschätzt, aber ich merke, wie sehr ich das noch verstärken kann, das Wertschätzen an sich, und dankbar zu sein für das, was ich bereits habe und mir gegeben wird.

Was kann das Theater jetzt, in dieser Zeit, leisten?

Viel. Und wird es auch müssen, denn ohne die Kultur, und vor allem ohne die reale Begegnung, die das Theater bisher für mich kennzeichnet, fehlt uns allen ein großes Stück. Aber was genau es leisten muss – das weiß ich jetzt auch noch nicht. Ich hoffe, dass danach das Miteinander im Theater, in der Welt, ein anderes, ein wärmeres sein wird.

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