Die Welt zu retten wird anstrengend

Im Münchner Marstall zeigt der Regisseur Peter Kastenmüller „Kassandra / Prometheus. Recht auf Welt.“ Der Autor Kevin Rittberger verhandelt in seinem Doppelstück die humanitäre Flüchtlingskatastrophe, verwoben mit tragischen Helden der Antike.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Die Bühne in der ehemaligen Hofreitschule ist proppenvoll: Plastikstühle, ein Schattentheater, Absperrgitter, Stacheldrahtbarrieren. Darüber ein riesiger LED-Bildschirm, über den Katastrophenbilder flimmern. Im Hintergrund schreit Kassandras riesiges Papp-Konterfei stumm „Human“ ins gezeichnete Megafon – es herrscht eindeutig Krisenstimmung.

Um den Ruf nach mehr Menschlichkeit in Zeiten der Flüchtlingskatastrophe auf die Bühne zu bringen, trug Kevin Rittberger bereits für seine erste Stückfassung von 2011 Geschichten traumatisierter Flüchtlinge zusammen.

Neun Jahre später hat sich die Asyldebatte noch verschärft. Auch die Überarbeitung von „Kassandra“ bedient sich nach Brechtscher Dramentheorie eines Lehrstücks, dessen siebenfache Personifizierung sich zu Beginn in beigen Overalls auf der Bühne formiert. Die Kostümbildnerin Aino Laberenz hat Firmenlogos mit Statussymbolik darauf genäht: Schließlich ist es die westliche Welt, der Moral und Ethik vor Augen geführt werden sollen.

„Dies ist die Geschichte“, leitet jeder der Sieben die Erzählung eines Flüchtlings ein, den sein Schicksal auf dem Weg nach Europa übers Mittelmeer geführt hat. Sie erzählen so lange, bis sich Einzelheiten im Stimmengewirr verlieren.

Der drängenden Frage, welche Ausdrucksform dem menschlichen Leid gerecht werden kann, begegnet der Regisseur Peter Kastenmüller mit Aktionismus: Er lässt die Schauspieler immer wieder die Rollen wechseln, die Plätze, die Sprache. Der Unruhezustand ist permanent, Sicherheit immer nur eine Illusion und Vertrauen zerbrechlich. Am Schicksal der Nigerianerin Blessing nimmt das Drama exemplarisch seinen Lauf, wobei das Spiel von einem Bühnenende zum anderen jagt, das Eisengestänge hinauf und wieder hinunter. Als Blessing alles verloren hat, ändert sich die Perspektive. Mit erhobenem Zeigefinger geraten diejenigen in den Fokus, die an der Peripherie agieren.

Diesem aktionsreichen Kampf anzusehen, ist ermüdend. Der viele Text, die ständige Bewegung, Licht- und Toneffekte beginnen zu berieseln. Zu Pausenbeginn macht sich resignierte Stimmung breit. Auf Bewegung folgt Stillstand

Kassandra sah und konnte nichts tun. Prometheus tat und wusste nicht, was geschehen würde. Im zweiten Teil des Dyptichons ersetzt in „Prometheus“ von Aischylos tableauhafte Starre das Gewusel. Der einstige heilbringende Hoffnungsträger der menschlichen Gattung erscheint in transparenter Hippiebluse auf der mittlerweile aufgeräumten Bühne, barfuß und mit ungepflegtem, langem Haar.

Seine Aufgabe ist es eigentlich, die Menschheit in Schutz zu nehmen, auch wenn sie bislang versagt hat. Doch so, wie Max Mayer als Prometheus an der Requisite hängt, scheint viel mehr pure Entmutigung aus ihm zu sprechen denn hoffnungsvolle Aufbruchstimmung: Der einstige Überbringer des Feuers sieht selbst ziemlich ausgebrannt aus. Aus seinen Worten die Idee für eine neue Zukunft herauszuhören, fällt nicht nur der Göttin Io schwer, die wiederum auf der Suche nach allumfassender Liebe ist. Könnte sie sie finden, ertränken im nach ihr benannten Teil des Mittelmeers bestimmt keine Menschen mehr, doch ihr deklamatorischer Monolog verhindert emphatische Anteilnahme.

Der Mensch ist selbst verantwortlich für sein Schicksal, so viel ist klar. Der Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Klimakatastrophe, als die Okeanoiden als Geschöpfe der Meere auf den mit Plastik eingehüllten Bühnenelementen dahintreiben, wäre gar nicht mehr nötig gewesen. Zumindest Atlas soll vom Gewicht des Universums und damit von allen seinen Qualen befreit werden – das ist ja schon mal ein Anfang. Denn viel Anlass, um mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken, hat dieser Abend trotz des chorischen Abschiedslieds nicht eröffnet. Schade. Denn wenn es einen Ausweg aus unserer kollektiven Misere gibt, findet ihn die Menschheit nur in sich selbst.

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