Harter linker Haken

 „Wer hat meinen Vater umgebracht?“: Der Regisseur Philipp Arnold stellt am Münchner Volkstheater verstörende Fragen.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Reinkommen bedeutet für Eddy, die transparenten Stoffwände des gartenhausartigen Holzgestells Bahn für Bahn abzureißen, um beim Rausgucken die Welt durch die Augen des Vaters zu sehen, der im Inneren sitzt.

Eddy ist inzwischen erwachsen und lebt im weit entfernten Paris, doch die Suche nach Antworten treibt ihn zurück in die französische Provinz, wo der Vater einsam und todkrank vor sich hinvegetiert. Sein Sohn will eine Erklärung finden für die unerbittliche Härte und emotionale Distanz, mit der ihm der Vater von frühester Kindheit an begegnete, seit offensichtlich war, dass der homosexuelle Sohn nicht seinem Bild von Männlichkeit entspricht. Warum er ihm Sätze wie „Ich hätte lieber einen anderen Sohn gehabt als dich“ entgegenschleuderte und mit versteinertem Gesicht den Raum verlässt, als der Sohn eine Tanzvorführung vorbereitet hat.

Dabei war er früher selbst ein begeisterter Tänzer gewesen. Das verrät die Mutter, neben Vater und Sohn die Dritte im Bunde bei diesem temporeichen Reigen, der den Schauspielern während der gut einstündigen Aufführung einiges abverlangt: Die Menge an Text ist enorm. Auf Basis des 2019 erschienen Buches des französischen Autors Édouard Louis entstand eine Bühnenfassung, in der beinahe ununterbrochen gesprochen wird, mal verträumt in Erinnerung schwelgend, mal in nüchternem Plauderton, mal von Emotionen überwältigt.

Herausfordernd für die Schauspieler Jakob Geßner, Jonathan Hutter und Anne Stein, denen es aber souverän und bestens aufeinander eingespielt gelingt, die Spannung hochzuhalten. Das Trio wechselt immer wieder die Rollen, die Gesichtsmasken und die Kostüme, filmt sich gegenseitig mit der Handycam und projiziert die Nahaufnahmen an die hintere Bühnenbespannung.

Der Regisseur Philipp Arnold lässt die Schauspieler klug den wenigen Raum nutzen, den die Kleine Bühne im Volkstheater bietet, spielt mit Momenten aus Nähe und Distanz, lässt das Spiel räumlich auseinanderdriften und gleich darauf wieder dicht zusammenzurücken.

Distanz brauchte auch Eddy, um Zusammenhänge sehen zu können. Als Homosexueller im ländlichen Frankreich treiben in Anfeindungen von Anfang an an den Rand der Gesellschaft und lassen ihn so bald wie möglich in die Großstadt flüchten. Die Lebensgeschichte der Eltern, die ärmlichen Verhältnissen entstammen und sich seit Generationen als Fabrikarbeiter verdingt haben, steht exemplarisch für eine benachteiligte Bevölkerungsschicht, die arbeits- und sozialpolitische Entscheidungen existentiell bedroht haben.

Jonathan Hutter schreit als Eddy die Anklage laut heraus und macht Chirac, Sarkozy, El-Khomri, Hollande und Macron namentlich verantwortlich für das individuelle Leid des Vaters. Unter deren Politik wurde nicht nur das notwenige Medikament für sein Darmleiden gestrichen und die Arbeitssituation unmenschlich. Diffamiert als „Faulpelz“, stahlen sie ihm auch noch das letzte bisschen Würde. Der Staat, dessen gesellschaftlichem Wertesystem sich der Vater zeitlebens untergeordnet hatte, hatte einen harten linken Haken.

Der Lebensgeschichte seiner Eltern vor der gesellschaftspolitischen Entwicklung Frankreichs nähert sich Eddy Stück für Stück an, indem er zu verstehen versucht, den Blickwinkel wechselt, andere Sichtweisen einnimmt. Für die Rollenverteilung bedeutet das: Wer die Maske des Vaters oder der Mutter trägt, schlüpft hinein in deren Gedankenwelt. In tempo- und bewegungsreichen Episoden wird so reihum erzählt, wie die Mutter immer wieder versucht hat, ihrem vorterminierten Schicksal zu entfliehen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Vom Vater, der feststeckt in seiner Position als männliches Familienoberhaupt, die er nur ausfüllen kann, wenn er Härte demonstriert. Sobald er aber allein mit seinem Sohn im Auto fährt, legt er eine CD von Celine Dion ein. Jakob Geßner singt mit rauchiger Stimme, viel Emotion und rührender Anstrengung „It`s all coming back to me now“. Es gelingt, das Publikum mitzunehmen auf diese Reise zum inneren Kern, ambivalente Gefühlswelten erfahrbar zu machen und Leere zu spüren, wo immer eine seine wird.

Wäre der Vater nicht körperlich am Ende, hätte er sich sicherlich der Gelbwestenbewegung angeschlossen. Zugunsten der Revolution tritt die Familiengeschichte gegen Ende hin ein wenig in den Hintergrund. Haben Vater und Sohn am Ende ihren Frieden mit ihrer persönlichen Geschichte gemacht? Wahrscheinlich nicht, denn zu wissen, was andere antreibt, heißt noch längst nicht, auch ihr Handeln zu verstehen. Die Welt, in der wir leben, prägt jeden von uns. Diese Erkenntnis ist nicht neu, doch aktuell wie nie. Vielleicht ist der Ruf nach Revolution da gar keine so schlechte Idee.

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