Die Luft, die wir atmen müssen

Shakespeares dunkle Komödie „Der Kaufmann von Venedig“ beklemmt und überzeugt am Münchner Volkstheater.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Der „Kaufmann von Venedig“ ist ein extrem schwieriges Stück. Im Laufe seiner Aufführungsgeschichte wurde dem Text von William Shakespeare immer wieder eine judenfeindliche Interpretation zuteil. Der Nationalsozialismus nutzte es als Propagandastück, in den USA war es bis in die 1970er-Jahre als antisemitisch verboten. Wer den Kaufmann heute auf die Bühne bringt, muss ihn mit einer klaren Haltung versehen, die keinen Raum für Fehlinterpretationen lässt. Denn der Antisemitismus in Deutschland ist alles andere als „am Aufkeimen“: Der Samen ist längst aufgeplatzt und hat gewurzelt, nach Studie des Jüdischen Weltkongresses im Kopf jedes vierten Bundesbürgers.

Die Aufgabe, Stellung zu beziehen, nimmt der Intendant des Münchner Volkstheaters Christian Stückl selbst in die Hand. Er führte Regie und siedelt den Stoff um den Juden Shylock und den venezianischen Kaufmann Antonio im modernen Bankenumfeld an. Kraftvoll und mit aalglatter Arroganz setzen Antonio und seine Freunde, in Nadelstreifenanzügen und mit glänzend zurückgekämmten Haaren, die drei großen goldenen Drehtüren in der Bühnenmitte in Bewegung. Sofort ist klar, diese Gruppe bildet einen hermetischen Zirkel, der die Regeln nicht befolgt, sondern bestimmt. Silas Breiding führt seine Bande als blasierter Antonio an, ganz Teil einer bürgerlichen Oberschicht, für die Unterlegenheit ein Fremdwort ist. Als sein Freund Bassanio Geld braucht, um der reichen Porzia den Hof machen zu können, muss er mangels Liquidität auf den jüdischen Geldverleiher Shylock zurückgreifen. Auch dieser ist ein gerissener Geschäftsmann, ein Einzelkämpfer mit dickem Fell und weichem Kern, den Pascal Fligg mit großer emotionaler Bandbreite auf die Bühne bringt. Anfeindungen lässt er an sich abprallen, wenn am Ende der Profit stimmt. Die Fassade fällt, wenn ihm der Bühnenraum allein gehört. Dann brechen sich seine Gefühle Bahn, etwa um den Verlust seiner Tochter Jessica, die für den jungen Lorenzo von zu Hause flieht und zum Christentum konvertiert.

Abseits der unbarmherzigen Geschäftswelt führen die durchlässigen Drehtüren ins Haus der reichen Porzia. Sie verwandelt das Auswahlverfahren per Schachtelsystem, das ihr verstorbener Vater zur Bestimmung ihres zukünftigen Ehemanns ausgedacht hat, in eine glitzernde Nummernrevue, schwungvolle Tanzeinlagen und Knalleffekte inklusive. Carolin Hartmann als oberflächliche Porzia reißt das Publikum mit ihrer herrlich überzogenen Attitüde mit, macht dem Gattungsbegriff des Stücks als Komödie alle Ehre und baut damit emotionale Fallhöhe auf.

Denn alle Fröhlichkeit ist wie weggeblasen, sobald sich alle Parteien vor Gericht einfinden müssen. Antonios Vermögen ist mit seinen Schiffen auf den Grund des Meeres gesunken und Shylock fordert die Erfüllung des Vertrags: Antonio schuldet ihm ein Pfund seines Fleisches. Sofort liegt Aggressivität in der Luft, rotten sich seine Gefolgsleute um Antonio, bilden eine harte Front. Dabei geht es diesem Shylock weder um Ausgleichszahlungen noch um Rache, sondern um Gleichheit vor dem Gesetz und damit um das Wahren demokratischer Grundrechte. Spätestens, als Antonio in Märtyrerhaltung mit weit ausgebreiten Armen mitten auf der Bühne steht, erkennt er, dass er nur verlieren kann. Was nutzt die Rechtsprechung, wenn sie gebeugt wird, bis sie bricht? Shylock scheitert mit seiner Forderung nach Gerechtigkeit und bleibt in dieser Inszenierung nicht der einzige Verlierer. Seine Tochter Jessica sieht sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, ohne Rückendeckung ihres Ehemanns, und bereut ihren Verrat am Vater. Eindringlich zitiert sie den Tagebucheintrag eines Jungen von 1942, der zwei Jahre später in Auschwitz umgebracht worden ist: „Es ist, als wäre man in einem großen Saal, in dem viele Menschen fröhlich sind und tanzen, während eine kleine Gruppe Menschen still in der Ecke sitzt. Ab und an holen sie aus diesem Grüppchen ein paar Leute, schleppen sie in ein Nebenzimmer und drücken ihnen die Kehle zu. Die anderen feiern gelassen weiter. Es berührt sie nicht.“ Schon einmal wurde eine Minderheit systematisch verfolgt. Schon einmal hat eine Mehrheit einfach die Augen verschlossen. „Ich hab Angst“, setzt Jessica hinzu. Ihre Worte bleiben hängen in der Luft.

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