Polly will ein Keksi

Damian Rebgetz reinszeniert an den Münchner Kammerspielen Nirvanas letztes Konzert.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Es ist der 1. März 1994. Ein Dienstag. Genauer gesagt ein Dienstagabend. Während es sich die meisten Münchner wahrscheinlich auf dem Sofa bequem machen, werden andere gerade Zeug*innen eines historischen Moments. Denn es ist der Abend, an dem die legendäre amerikanische Grunge-Band Nirvana ihr allerletztes Konzert gibt. Und das ausgerechnet auf dem Gelände des alten Flughafens Riem bei München. Dass es ihr letzter gemeinsamer Auftritt sein wird, weiß an diesem Abend noch niemand. Unmittelbar nach dem Konzert wird die restliche Tour abgesagt. Nur einen Monat später nimmt sich Frontsänger Kurt Cobain in seinem Haus mit einem Kopfschuss aus einer Flinte das Leben.

Jetzt, 25 Jahre später, bringt der Regisseur und Schauspieler Damian Rebgetz dieses historische letzte Konzert zurück in die Kammerspiele. In einem zweistündigen Re-enactment inszeniert er in mit „Nirvanas Last“ nicht nur streng nach der Set-List, nein, auch jegliche Bühnenpannen und Ausfälle der Bandmitglieder müssen nacherlebt werden. Übersetzt bedeutet das, dass der Strom wie damals mitten im Konzert zwischen zwei Songs ausfällt, die Band eigentlich kaum ein Wort mit dem Publikum wechselt und sich erst nach über der Hälfte des Abends der Bassist Krist Novoselić mit den Worten „Grunge is dead“ an die Fans wendet.

Apropos übersetzt: So streng nimmt es Damian Rebgetz dann doch nicht mit der Nachinszenierung, denn die Lieder entsprechen nicht so ganz dem Original von Nirvana. Sowohl musikalisch als auch textlich lassen sich die Songs in „Nirvanas Last“ eher als eingebayerischt beschreiben. Statt dem gewohnten Grunge- und Punksound gibt es romantische und volkstümliche Live-Klavier- und Orchestermusik zu den ins Deutsche übersetzten Texten. Die machen aus berühmten Liedzeilen wie „Grandma take me home“ und „Polly wants a Cracker“ mal eben „Oma bring mi hoam“ oder „Polly will ein Keksi“.

Die Wirkung der herrlichen Übersetzungen wird besonders durch die Kostüme von Veronika Utta Schneider und dem Bühnenbild von Janina Sieber unterstützt. Getreu dem Motto „bayerisches Heimat-Drama“ mit etwas Grunge und Punk, laufen, tanzen und fallen die Bandmitglieder in Kombinationen aus roten Latexhosen, Trachten- oder Fellwesten und mit Hirschgeweihen auf dem Kopf über die aufsteigenden Stufen, die als Bühne vor dem eisernen Vorhang dienen. Der wird mit Texten, Waldidylle und Fotos von Massenprotesten bestrahlt, während eine Kuckucksuhr neben der Treppe die Uhrzeit ruft.

„Nirvanas Last“ ist kein einfaches Tribute-Konzert. Das stellt Damian Rebgetz in seinem Prolog vor dem Re-enactment klar und entlarvt damit gleichzeitig genau das Publikum, das sich von dem Namen Nirvana im Titel des Stückes hat locken lassen. Für Rebgetz ist das aber die perfekte Voraussetzung für die Diskussion, die er in seiner Inszenierung anstrebt: Wie hat es eine Punkband, die eigentlich für Antikapitalismus und Rebellion steht, für das Anderssein, geschafft, Mainstream zu werden? Können diese Texte auch 2019 noch ihre rebellische Wirkung erzielen?

Rebgetz zeichnet mit „Nirvanas Last“ eine zerfallende Band, die an ihren eigenen Prinzipien scheitert, deren völlig zusammenhangslose Texte, unabhängig von der Übersetzung, wirkungslos im Raum verschwinden, wenn man sie außerhalb des Phänomens „Nirvana“ betrachtet. Und so absurd es klingen mag, das bayerische Heimat-Spiel bietet dafür den perfekten Rahmen. Denn in diesem ungewöhnlichen Kontext wird neben all den lustigen Momenten der Inszenierung erst wirklich deutlich, wie vorhersehbar der nahende Absturz Nirvanas war. Und wenn Damian Rebgetz als Kurt Cobain in Jägererscheinung „Ich hab kein Gewehr“ mit einer Flinte in der Hand auf den Stufen singt, wird es einem ganz klamm ums Herz.

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