Im Gothic-Gewand gegen Rechts

„Doktor Alici“ steht im Regen: Ersan Mondtag und Olga Bach inszenieren an den Münchner Kammerspielen eine Politfarce.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Das Bayern der Zukunft – genauer gesagt: das Bayern im Jahr 2023 – scheint dem Untergang geweiht zu sein. Es ist Sommer, vor den Landtagswahlen. Doch vom Sommer kann keine Rede sein. Es regnet unaufhörlich. Schüttet sintflutartig. Lediglich lautes Donnergrollen und allgelegentliches Vogelkrächzen lösen die Monotonie des Regenprasselns ab. Ein richtiges Scheißwetter. Wehe dem, der keinen Schirm dabei hat. Und die Umfragen verheißen auch nichts Gutes. Der rechtsextremen Partei „Proaktiv fürs Abendland“ werden bei den Wahlen Rekordwerte vorhergesagt. Der CSU steht bevor, ganz weit rechts überholt zu werden.

In Ersan Mondtags Inszenierung „Doktor Alici“ an den Kammerspielen München öffnet sich der Vorhang zu einem wahrlich sonderbaren Schauplatz im München naher Zukunft. Unter dem nicht mehr enden wollenden Regenguss zeigt sich auf der Bühne eine schauerhafte Szenerie, die so gar nichts gemein hat mit der bayerischen Landeshauptstadt. Die Figuren mit ihren bleichen Gesichtern sind ein obskures Gruselkabinett wie aus der „Adams Family“ entliehen. Das Bühnenbild von Nina Peller scheint geschaffen für eine Inszenierung von Hitchcocks Suspense-Klassikern. Genauso gut könne es Schauplatz eines finsteren Film Noir sein. In der Mitte befindet sich ein viktorianisches, zweistöckiges Vororthaus mit hohem Giebel, Balkon und Veranda. Durch Schwarzlicht erleuchtete Neonfarben rahmen Fenster und Giebel und geben dem Gruselhaus ein seltsames Pop-Up-Flair. Innen führt eine Treppe nach oben. Das Haus lässt sich, je nachdem, ob das Geschehen davor oder drinnen stattfindet, rundum drehen. Gleich einem Puppenhaus wird dem Publikum über die Rückseite Einblick gewährt. Links davor ragt ein Telegraphenmast empor, über dem aus einer Wasserleitung entlang der Bühnenbreite nahezu unaufhörlich der Regen herunterprasselt.

Das unheimlich-skurrile Szenenbild gibt die Atmosphäre vor für die Politfarce in fünf Akten von der Dramatikerin Olga Bach, die mit Ersan Mondtag nach „Die Vernichtung“ und „Das Erbe“ bereits zum dritten Mal zusammenarbeitet. Das Stück basiert auf Arthur Schnitzlers „Dr. Bernhardi“, das um 1900 angesichts des grassierenden Antisemitismus geschrieben wurde. Bach macht aus dem Krankenhaus ein Polizeipräsidium und aus dem jüdischen Arzt die muslimische, homosexuelle Polizeipräsidentin Dr. Alici, die aufgrund einer „drohenden Gefahr“, wie es im bayerischen Polizeiaufgabengesetz heißt, einen rechtsextremen Mann in Untersuchungshaft steckt.

Ob dieser tatsächlich mit vier weiteren Beschuldigten – allesamt sind sie ausgerechnet Landtagsabgeordnete von „Proaktiv fürs Abendland“ – einen Anschlag geplant habe, ist ungewiss. Ebenso, ob sich der Tod des erkrankten Inhaftierten verhindern hätte lassen, wenn sein Anwalt der Behandlung durch den Amtsarzt zugestimmt hätte. Gewiss an diesem Abend ist nur, dass das Gesetz eben jene Repräsentanten des Staates getroffen hat, die ihn beseitigen wollen. Dr. Alici, die sich vehement gegen Beeinflussung seitens des konservativen Ohrflüsterers aus dem Innenministerium stemmt, wird mit rassistischen Schmierereien und einem Schweinskopf vor der Tür bedroht, anschließend erpresst und letztlich suspendiert. Den Deal, den Beschuldigten Täter freizulassen und dadurch die Abschiebung ihrer Geliebten zu verhindern, lehnt sie bis zum bitteren Ende ab. 

Was von diesem politischen Theaterabend in Erinnerung bleibt, ist nicht der kritische Blick, den Olga Bach mit ihrem dystopisch anmutenden Stück auf die Gegenwart wirft. Die grotesken Reibereien zwischen Politik und Polizei, das kabarettartige Spiel mit bayerischem Dialekt und das dauerpräsente Vorführen juristisch-politischer Wortklaubereien ermüden schnell in der Langsamkeit der Inszenierung. In dem zähen und gedehnten Erzähltempo verliert sich die Vehemenz Dr. Alicis, besonnen und nachdenklich gespielt von Hürdem Riethmüller, die allen Widerständen trotzt und doch zugrunde geht. Vieles ist unklar, undurchsichtig oder wird nur oberflächig verhandelt. Der schaurige Suspense, den das groteske Bühnenbild zusammen mit der unheimlich-düsteren Komposition von Diana Syrse erzeugt, bleibt dramaturgisch auf der Strecke.

An Schauwerten mangelt es indes nicht. Die Figuren hinterlassen in ihren schrägen Kostümierungen von Teresa Vergho bleibenden Eindruck. Allen voran Samouil Stoyanov, der als Dr. Edmund Bauer aus dem Innenministerium Dr. Alici wegen ihrer Entscheidungen unentwegt bearbeitet, bedroht und bedrängt. Gehüllt in einen Fettanzug und einen glänzenden Ledermantel, erinnert er in seiner Wuchtigkeit an CSU-Übervater Franz-Josef Strauß. Thomas Hauser spielt mit grün-bläulichem Haar den androgynen Praktikanten Dr. Alicis, und Christian Löber könnte als Vorsitzender der rechtsnationalen Partei mit seinen gebleichten Haaren, dem lilafarbenen Overall und seinen kniehohen Gummistiefeln auch als Nazioberst in einem Exploitationfilm mitspielen. Jelena Kuljić besingt in ihrem strengen Vampirlook betörend schön das Schicksal ihrer geliebten Dr. Alici. Doch auch diese schauerhaften Figurenkuriositäten und das beeindruckende Bühnenbild können nicht verhindern, dass die politische Dringlichkeit der Thematik in der unausgegorenen Bühnenfassung und der schleppenden Inszenierung verpufft.

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