Feuchter Stoff auf Haut

Theaterfestival radikal jung: Suna Gürlers „Stören“ zeigt die erschütternde Lebensrealität vieler Frauen.



Von Nathalie Broschat

Warum redet Nathalie Seiß darüber, wie scheiße sie es fand und wie weh es ihr tat, dass man ihren Computer gehackt und ihre Nacktfotos veröffentlicht hat? Warum spielen die sechs Performerinnen Situationen nach, in denen sie sich gegenseitig prüfen, ob sie zum Ausgehen bereit sind (Pfefferspray? Check!)? Warum spielen sie Situationen subtiler sexueller Übergriffe nach? Ja, warum?

Weil das die Lebensrealität einer Frau ist. Sie sieht sich dieses Stück an und denkt zurück an den Mann in der überfüllten Straßenbahn, der seine Hüfte an sie drückt, verstohlen umhersieht, und an ihre Befangenheit. Schauspielerisch ist „Stören“ nicht herausragend, es sind Laiendarstellerinnen, die dort auf der Bühne erzählen. Aber diese alltäglichen Erfahrungen zu ordnen, umzusetzen und überhaupt auf die Bühne zu bringen, zu choreografieren und mit Symbolen aufzuladen, das ist großartig. Wie ekelhaft es eigentlich ist, wenn ein Mann aufdringlich auf Asphalt pinkelt, wird mit Wasserflaschen demonstriert. Bei Frauen würde das freilich auch so klingen, doch geht es rein anatomisch nicht. Und auf Gras hört man kein Plätschern.

Frauen und ihre Fähigkeiten

Die Mauer auf der Bühne ist Hindernis und Ziel zugleich. Schwarz thront sie da hinten, schüchtert ein, doch muss man nur genügend Anlauf haben, um sie zu erklimmen. Dadurch sind die Darstellerinnen zurück im Sportunterricht, wo das gerne mal schief gelaufen ist. Oft lag das nur daran, welche Fähigkeiten ihnen als Frauen zugeschrieben wurden. Weil Frauen generell schwach und ungeschickt sind, eine quiekende Stimme haben und nur über Klamotten reden.
Der Abend setzt sich aus eigenen Erfahrungen zusammen, doch ist „das Stück nicht autobiografisch, es geht alle etwas an“, sagt Regisseurin Suna Gürler. In München kam „Stören“ so gut an, dass einige beim Applaus aufgestanden sind – Frauen waren es. Warum? „Weil es ehrlich war und das alles so passiert“, sagt eine Besucherin. Das Theater hat die Kraft, stereotypisierte Körperlichkeiten und antiquierte Frauenbilder zu thematisieren und zu informieren. Trans-Mensch Chantal ist das beste Beispiel: „Ich will meine Geschichte erzählen, weil ich finde, dass sie wichtig ist.“ Regisseurin Suna Gürler gibt diesen individuellen Geschichten Raum, damit sie gehört werden und zum Nachdenken anregen. Nachdenklich gemacht hat auch das Publikumsgespräch nach der Aufführung: Der Moderator verteilt beherzt Etiketten an die jungen Frauen neben sich, fragt, wie die Märchenfee heißt, ihre Namen kann er sich nämlich nicht merken.

Der Wert des Nachdenkens

„Sollen die anderen anfangen zu denken oder ich damit aufhören?“, lautet eine Frage in „Stören“. Manchmal sei Nachdenken auch Zeitverschwendung und Angst werde oftmals konstruiert und verhindert so vieles. Das muss man ablegen, viel reden, rausgehen, sich von bösen Gedanken lösen und dem Leben stellen. „Du darfst dich schon ernst nehmen“, sagt die Regisseurin; als Frau, als Mann, als alles dazwischen.