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Eine Porträt über Blanka Rádóczy, die Regisseurin von Roland Topors „Der Mieter“.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Blanka Rádóczy zu treffen ist, als besuche man eine Freundin, die man lange nicht gesehen hat. Auf dem Freiheitsplatz vor dem Schauspielhaus Graz, bei sonnigen 26 Grad Mitte April, lädt sie ein zum späten Asia-Lunch in einem Café, um bei Pad Thai und Papayasalat mit Erdnüssen ziemlich schnell, ziemlich aufgeregt zu erzählen, dass sie gerade zu viel Zeit habe – obwohl sie mitten in den Proben ihrer neuesten Inszenierung steckt. „Meine Schauspieler haben abends immer Vorstellung“, sagt sie und klingt leidend. „Momentan hab ich nur von zehn bis 14 Uhr Probe.“ 

Vor einer Woche ist die 33-jährige Theaterregisseurin von Wien nach Graz gezogen, um „Pfeil der Zeit“, einen Roman von Martin Amis, auf die Bühne zu bringen. Die Handlung verläuft rückwärts und ist so komplex, dass Blanka sich selbst noch schwer tut zu beschreiben, worum es geht. „Der Mieter“, mit dem sie im Herbst 2018 am Marstall München Premiere feierte und der am letzten Tag des Radikal-jung-Festivals zu sehen ist, hat sie fast schon vergessen. Zwischenzeitlich hat sie eine Oper in Stuttgart inszeniert, jetzt ist sie hier in Graz, in dieser beschaulichen Stadt im Südosten Österreichs mit ihren entzückenden Jugendstilfassaden und bunten Fensterläden und den rustikalen Straßenbahnen, die über das Kopfsteinpflaster tuckern. Man stellt sich Blanka Rádóczys Leben aktuell so vor, wie man sich das Leben von Theaterregisseurinnen, die an namhaften Spielstätten arbeiten, eben so vorstellt: neues Projekt, dann Vorbereitung, dann Umzug, dann acht Wochen Proben oder weniger, dann Premiere, wieder neues Projekt, wieder Vorbereitung, wieder Umzug, wieder acht Wochen Proben, wieder Premiere.

Blanka schnäuzt in ihr Taschentuch, sie ist erkältet, trägt Schal und einen orangenen Pulli trotz der Wärme. „Ich wohne fest in Wien, zusammen mit meinem Freund“, sagt sie. „Ich versuche, an den Wochenenden nach Hause zu fahren, Wien ist ja zum Glück nur zwei Stunden von hier entfernt.“ Sie mache nie mehr als drei Projekte pro Spielzeit, was nicht so viel ist, wie sie sagt, aber ausreichend, um finanziell über die Runden zu kommen. Umso wichtiger dafür die Gehaltsverhandlungen, von denen ihr am Abend noch eine bevorsteht.

Blanka Rádóczy ist in Ungarn geboren und zog im Alter von 16 Jahren mit ihrer Mutter in die Schweiz, nach Basel. Deutsch sprach sie kaum, noch heute hört man einen dezenten Akzent, wenn sie spricht, eine Mischung aus osteuropäisch rollendem R und verblüffenderweise den gedehnten Silben des Österreichischen. Nach dem Abitur besuchte Blanka einen Vorkurs der Schule für Gestaltung, bewarb sich später mit einer Mappe voller Arbeitsproben an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Sie bekam den Platz in der Klasse für Bühnen- und Filmgestaltung, von da an baute sie Bühnenbilder, machte sich selbstständig, arbeitete als Bühnenbildassistentin von Anna Viebrock am Theater Basel, bei den Wiener Festwochen, an der Volksbühne Berlin, im Schauspielhaus Hamburg und am Schauspiel Köln. „Aber ich war unglücklich“, sagt sie. Sie schmunzelt dabei.

Wenn Blanka spricht, stiehlt sich stets ein kleines Lächeln in ihr Gesicht, auch wenn das, was sie erzählt, nichts ist, worüber sich lächeln lässt. „Als Bühnenbildnerin hatte ich das Gefühl, so abhängig zu sein, und ich tat mir schwer damit, immer wieder aufs Neue jemanden finden zu müssen, mit dem ich zusammenarbeiten kann.“ So kam sie zur Theaterakademie August Everding in München, wo sie anfing, Regie für Sprech- und Musiktheater unter der Leitung von Sebastian Baumgarten zu studieren. Ihre Abschlussarbeit „Würgen des Fasans“ nach Bergmann, Barthes und Blanchot hält sie immer noch für die beste Inszenierung, die sie gemacht hat. Sie war nun Regisseurin und Bühnenbildnerin in einem, hatte die Macht darüber zu entscheiden, wie was auszusehen hat.

Sie zerrupft jetzt die Papierverpackung ihrer Essstäbchen, während sie erzählt, dass sie auf der Suche nach einem Gesamtkunstwerk ist, in dem Bühne, Licht, Spiel und Text zu einer atmosphärischen Vollkommenheit verschmelzen. Stimmung mit den visuellen Mitteln zu erzeugen ist ihr wichtiger als Monolog und Diskurs. „Ich finde reinen Text … langweilig.“ Kurz zögert sie, bevor sie ‚langweilig‘ sagt. Realismus auf der Bühne interessiere sie nicht. „Meine Räume sind zwar realistisch, aber in ihnen geschieht Abstraktes, was sich der Realität entzieht.“ Deshalb habe ihr auch „Der Mieter“ von Roland Topor so gut gefallen. Denn der Hauptfigur Trelkovsky widerfährt ein psychedelisches Gruselszenario, als sie endlich findet, wonach sie verzweifelt suchte: eine Wohnung in Paris, die sich als heruntergekommenes Loch im Dachboden entpuppt, flankiert von einer Horde gehässiger Nachbarn. Trelkovsky stürzt in einen Schlund der Paranoia, wird Opfer einer finsteren Nachbarschaft, Außenseiter in einer feindlichen Umwelt, reimt sich eine Verschwörung gegen ihn zusammen – ob diese Verschwörung real ist oder nur im Kopf von Trelkovsky existiert, das weiß man nicht so recht, weder in Topors Roman aus dem Jahr 1964, noch bei Roman Polanskis Verfilmung von 1976.  Rádóczy mag dieses Spiel mit den zwei Ebenen aus Realität und Imagination, mag es, Bilder zu suchen und Bilder zu finden für etwas Psychisches, für etwas, von dem man zunächst glaubt, dass es nicht bebildert werden könne.

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