Und morgen ein Superstar

Der venezolanische Tänzer und Sänger Lester Arias alias Ariah Lester musste sich erst maskieren, um sich kenntlich machen zu können. Ein mühsamer Weg in einer kunstfeindlichen Umgebung.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Lester Arias glaubt an eine allumfassende Liebe. An ein Universum, in dem alles in Existenz miteinander verbunden ist. Das Theatermachen, das hat etwas Spirituelles für ihn. Es wird ihm zur Mission, wenn eine Geschichte dringlich ist. Kunst für den Menschen, das ist es, woran er glaubt und an das Theater als einen Ort, an dem sich durch kollektive Erfahrung für jeden Einzelnen etwas verändern kann.

Die Geschichte, die der gebürtige Venezolaner in „White (Ariane)“ erzählt, ist seine eigene – und die Geschichte seiner Mutter. 2016 besucht sie ihn in Amsterdam, er studiert dort an der „School for New Dance Development“ Choreografie, es ist das Jahr seines Abschlusses. Für Mutter und Sohn ist es das erste Wiedersehen nach langer Zeit. Sie bringt ihm etwas mit, ein Tagebuch aus der Zeit ihrer Schwangerschaft – eine Sammlung von Briefen, geschrieben an ihre Tochter Ariane, ohne damals zu wissen, dass ihr Kind ein Junge sein würde. „My mother loved me so much – even before I came into this world“.

Drei Jahre gebiert Lester Arias diese Geschichte. Er weiß, er möchte sie erzählen, aber er weiß lange nicht wie. In den Worten an ihr ungeborenes Kind findet seine Mutter eine besondere Sprache. Poesie, sagt er. Als junge Frau möchte seine Mutter Künstlerin und Tänzerin werden, ihre Eltern aber verwehren ihr diesen Wunsch. Auch der Großmutter, Sängerin wollte sie werden, wurde ein künstlerischer Beruf verboten. Auf der Suche nach seinen Wurzeln kommt Arias eine Erkenntnis: Was er tut und lebt, ist auch das, was den Frauen in seiner Familie nicht möglich war. 
„I felt the need to heal both sides of the family“. Es fühlte sich so an, sagt er, als würden sich auf eine gewisse Weise all die Energien seiner Vorfahren in ihm vereinen. Also beschließt der Tänzer und Schauspieler, auch zu singen. Die Technik lernt er über Youtube-Tutorials, moduliert seine Stimme mit einer illegal heruntergeladenen Musikproduktions-Software. Als Arias das erste Mal auf einer Bühne singt, wird es ganz still im Publikum.
Mit seiner Stimme findet Arias eine künstlerische Ausdrucksmöglichkeit für das Tagebuch seiner Mutter. Er übersetzt ihre Sprache in Musik, in Songs. Nennt sich von nun an Ariah Lester. In der Performance „White (Ariane)“ fügen sich die Puzzle-Teile seines Lebens zu etwas Ganzem. Lange, sagt Arias, sei er auf der Suche gewesen nach einer Form, in der das Schöne und das Monströse, das Weibliche und Männliche, das Intime und Öffentliche – in der all diese Gegensätze in Einklang gebracht würden. Ein heilsamer Prozess für ihn, und, so hofft er, und heilsam auch für diejenigen, die ihm zuhören.

Seine Geschichte besitze er mehr als je zuvor, sagt er, gleichzeitig gehöre sie nicht mehr ihm. Sie sei zu einer archetypischen Form geworden, sei Maskerade, derer er sich bedient. Arias nutzt die Maskerade als Form der Navigation, flicht Drag und Vaudeville in sein Spiel, um kulturelle Referenzen auszuleihen, diese dann umzudeuten und daraus neu zu erfinden. Die Maskerade als Form, sei in seinem Spiel dann besonders wirkungsvoll, wenn er sie ablege,  da ist sich Arias sicher.

Für Lester Arias ist die Maske auch Ausdruck seiner eigenen Metamorphosen und Schlüssel der Codes und Formen, zwischen denen er sich bewegt. Er und viele weitere einzelne Künstler, die gemeinsam das Pop-Narrativ neu erzählen. „Modern art and dance ist going to die. Very soon. We will find new ways of making art sustainable. I’m going to be a superstar.“

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