Wann wippt der Zeh? Und wann das Bein?

Gedanken zum Binnen-I angesichts der vielen Regisseurinnen beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Das Berliner Theatertreffen führt eine Quote ein, das gab die Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer nun bekannt. Mindestens die Hälfte aller dort gezeigten Aufführungen soll von 2020 an von Frauen inszeniert werden; zumindest für die folgenden zwei Jahre. Beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater beträgt die Frauenquote in diesem Jahr fast 75 Prozent – oder wie die Abendzeitung titelte: „Radikal Jung wird weiblicher“ – und das ganz ohne Quotenvorgaben! Juror Kilian Engels erklärte letztes Jahr bereits: „Quoten funktionieren nicht.“

„Woran liegt es, dass Radikal jung so ‚weiblich‘ ist? Allein schon bei der Formulierung juckt mein kleiner Zeh. Das Spannende an einer Inszenierung ist für mich nicht, ob sie von einem Mann oder einer Frau inszeniert wurde. Stichwort weiblicher Blick. Ich glaube, dass es den gar nicht gibt, diesen weiblichen Blick. Beziehungsweise dass er erst im Nachhinein definiert wird.

Erst seit 2017 heißt Radikal jung „Das Festival junger Regie“, davor waren „junge Regisseure“ geladen (auch wenn es tatsächlich schon mal mehr Frauen als Männer gab, gibt’s ja nicht!).

Genau hier müssen wir ansetzen: bei unserer Sprache. Ich sehe schon die wegwerfende Handbewegung, wieder dieses „leidige Thema“! Haben wir nicht genug „echte Probleme“? Da juckt nicht nur mein kleiner Zeh, da wippt mein ganzes Bein.

Ich muss mich jedes Mal rechtfertigen, wenn ich SchauspielerInnen sage oder ein Sternchen in meine Texte male. Dabei ist es doch so: Unsere Sprache bestimmt unser Denken; und daran erkennen wir, wie festgefahren und konservativ es auch bei einem ach so weiblichen Festival zugeht. Wenn bei einem Publikumsgespräch ein „Binnen-I“ ein amüsiertes Glucksen hervorruft oder ständig „der-die-dasjenige“ gesagt wird, was nach dem 38. Mal wirklich gar nicht mehr witzig ist.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Witze sind gut, und ich bin die Erste, die dreckig und laut darüber lacht. Aber Witze sollen als Anstoß verstanden werden und nicht, um jemanden durch Belustigung zum Schweigen zu bringen.

 Ach ja, das Argument mit der Ästhetik beim Lesen zählt auch nicht. Die Kolumnistin und Autorin Margarete Stokowski hat richtigerweise geschrieben, dass man jemanden mit dem Namen Horst ja auch nicht anders nennt, weil das ein unästhetischer Name ist.

Also, vielleicht könnte man diese Überlegungen zur gendergerechten Sprache nicht als Irrsinn abtun und darüber nachdenken, warum es – mittlerweile immer mehr – Menschen gibt, die diesen Irrsinn mitmachen. Gut, das war’s mit dem flammenden Credo. Hoffentlich spüren alle, die wenig bis gar nichts damit anfangen konnten, jetzt ein sanftes Kribbeln in ihrem kleinen Zeh!

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