Juden – das ist passé!?

Radikal jung am Münchner Volkstheater: Sapir Heller zeigt ihre fulminante Inszenierung von Maya Arad Yasurs klugem, ideenreichem Text „Amsterdam“ über jüdische Identität.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Der Schweiß tropft. Die Halsschlagader pocht. Der Absatz hämmert. Im Hintergrund: ein riesiger Bogen aus Stahl. Eine gebogene, mit  leuchtenden Glühbirnen bestückte Sprossenwand,  an der sich die Schauspieler*innen immer wieder entlanghangeln. Dieser Brückenbogen wird herumgeschoben, eingebaut in ihre artistische Darstellung. Die drei Spieler*innen – Nina Steils, Jonathan Hutter und Philipp Lind – tragen grüne Seide und Glitzerpailetten und liefern eine Show ab, bei der Helene Fischer vor Neid erblassen würde.

Den Text „Amsterdam“ von Maya Arad Yasur inszeniert die Regisseurin Sapir Heller als deutsche Erstaufführung auf der kleinen Bühne im Münchner Volkstheater. Die Geschichte geht so: Eine junge Geigerin erhält eine Gasrechnung. Seit dem Jahr 1944 wurde für ihre Wohnung in der Prinsengracht ein Teil der Gasrechnung nicht bezahlt, durch Mahngebüren belaufen sich die Schulden an die Stadt Amsterdam auf 1700 Euro. Als sich die Frau mit der Geschichte hinter dieser Rechnung beschäftigt, findet sie heraus, dass ihre Vermieterin im Konzentrationslager in Auschwitz war; gleichzeitig beschäftigt sie sich auch mit ihrer eigenen jüdischen Identität. Wie ein Krimi ist diese Geschichte aufgebaut und wie einen Show-Act präsentiert sie Sapir Heller. Das scheint auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenzupassen. Silberfarbene Glitzerschuhe, Dancemoves und die Aufarbeitung eines Naziverbrechens? „Juden – das ist  ausgelutscht.“ „Juden – das ist passé“, steht im Stück. Unpathetisch, schonungslos und trotzdem leicht. Was auch für Sapir Hellers Inszenierung gilt.

Die Zuschauerreihen der kleinen Bühne sind wie ein „U“ aufgebaut, ein Block rechts, einer in der Mitte, einer links. Vor diesen Blöcken stehen die Spieler*innen und erzählen, fixieren das Publikum mit Blicken, die sagen: „Hör lieber zu, da kommt noch so Einiges“. Zack, Schnippen, zack, Drehung, zack, Platzwechsel. Die hundert Minuten „Amsterdam“ sind voller Takt, Rhythmus, Gefühl.

Kim Ramona Ranalter macht die Livemusik, sampelt Swing und fungiert als Übersetzerin für die holländischen Wortfetzen, die fallen.  Die drei Spieler*innen haben keine festen Rollen in dieser Inszenierung, jeder ist mal die schwangere Geigerin, ihr Arzt, ihre Agentin, ihr knorriger Nachbar Jan, ihre Freundin Viktoria oder der süße holländische Barkeeper. Sie fallen einander ins Wort, wiederholen sich, geben sich Recht und fragen dann wieder nach: „In Amsterdam klopft man nicht an die Tür!“ –  „Wieso eigentlich?“ –  „In Amsterdam klopft man nicht an die Tür!“

Diese Sprachfetzten ergeben eine hörspielartige Collage, eine ganz eigene, gewaltige Komposition. Besonders stark ist die Inszenierung, wenn am Ende nicht mehr klar ist, wo man sich befindet und in welcher Zeit: in der Gegenwart? Im von Nazis besetzten Amsterdam? Verwirrend und klar zugleich. Denn die Szenen laufen nach einem bestimmten Schema ab. Die Uhrzeit wird angesagt, die Geschichte der Geigerin erzählt. Im Supermarkt, beim Frauenarzt, in ihrer Wohnung, auf der Prinsengraacht. Lichtwechsel. Ein Blick, der einander Verständnis signalisiert. Und weiter geht’s: The show must go on. Langweilig wird es nie. Das liegt an dem konstanten Level an Konzentration, das von den Spieler*innen ausgeht und von den Ideen der Regisseurin. Das Bühnenbild von Anna van Leen, die fahrbare umgekippte Sprossenwand, bietet viel Assoziationsspielraum.

Der Bogen kann so vieles sein. Eine Brücke. Oder ein Fahrrad.  Die Spieler*innen setzen sich auf die Sprossen, lassen die Füße baumeln und strampeln.  Beim Frauenarzt legt sich Nina Steils an das eine Ende des Bogens, Philipp Lind an das andere, zwischen den beiden eine überlange schwarze Decke, sie werden zu einem einzigen ellenlangen Körper. Jonathan Hutter spielt in dieser Szene den Arzt. Er denkt laut. „So sieht also eine jüdische Fotze aus!“ Ein stream of conciousness, der immer wieder versiegt, um gleich darauf wieder aufzusprudeln.

„Amsterdam“ ist ein Abend voller Überraschungen, voller Spielwitz, voller Ideen. Ein Abend, der die Zuschauer wahrscheinlich überfordert. Und die Überforderung ist der Gewinn!

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