Alles funktioniert. Und wie!

Leonie Böhm inszeniert an den Münchner Kammerspielen mit „Yung Faust“ die fresheste Version der klassischen Tragödie. Damit ist sie zum Ffestival Radikal jung eingeladen.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Pinkes Licht erfüllt die Bühne der Kammer 2 an den Münchner Kammerspielen. Der Beat setzt ein. Der Schauspieler Benjamin Radjaipour steht in einer weißen Culotte, aus dem Stoff einer Bettdecke, in weißer Windjacke und mit weißen Sneakern am Bühnenrand. Er greift nach einem Mikro und fängt an zu singen. Singen? Benjamin Radjaipour rappt! „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.“ Elektrobeats wie von Yung Hurn mischen sich unter die Synthesizermelodien des Musikers Johannes Rieder, der mit seinem Keyboard am Bühnenrand sitzt. 

Autotune-Effekte legen sich über den Gesang und verzerren Goethes Worte in ein halbverständliches Gewusel. Mit einer langen Perücke aus braunen Haaren, lässigem Pony und im stylischen Jeansoutfit haut Rieder in die Tasten und übernimmt den Part des Backgroundsängers, des Schlagzeugers, des Chores. Alles, was eben gerade so gebraucht wird für Leonie Böhms Inszenierung von „Faust“, die den emotionalen Monolog von Fausts Osterspaziergang in eine Cloud-Rap-Performance verwandelt.

Die Regisseurin wagt mit ihrer Inszenierung „Yung Faust“ etwas Neues, etwas Ungewöhnliches. Der oft inszenierte Stoff von Johann Wolfgang von Goethe wird radikal gekürzt, die Figuren Faust, Gretchen und Mephisto springen im fliegenden Wechsel zwischen den Schauspielern Julia Riedler, Annette Paulmann und Benjamin Radjaipour hin und her; und die Szenerie wird konsequent in die Welt des Cloud-Raps, des kontrollierten Kontrollverlustes transportiert.

Das Bühnenbild, ein paar weiße Pappaufsteller in geometrischen Formen, eine Leinwand mit umgedrehten Palmenblättern im Hintergrund und ein ovaler Springbrunnen in der Mitte des Raumes, erinnern an die moderne und hippe Einrichtung des Lovelace Hotels. Die magentafarbenen und blauen Lichter sorgen für eine Techno-Atmosphäre, die man aus Videos von Cloud-Rappern wie Yung Hurn oder LGoony kennt. Annette Paulmann steckt in schwarzer Jogginghose und Bomberjacke, Julia Riedler trägt ein einfaches Shirt, lässige grüne Hose und coole Sneaker. Alles ist hip. Alles ist jung. Alles ist emotional. Alles funktioniert. Und wie!

Böhms „Yung Faust“ ist wunderbar exzessiv. Wild knutschend, peepshowig kugeln sich Benjamin Radjaipour und Annette Paulmann im Springbrunnen, wenn es um die Walpurgisnacht geht. Hingebungsvoll befriedigt Julia Riedler als Gretchen Annette Paulmann, wenn das junge Mädchen Faust verzweifelt die Liebe gesteht, voller Inbrunst fliegt Benjamin Radjaipour als Mephisto durch den Raum, voller Kummer singen Johannes Rieder und Julia Riedler Gretchens „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer“. Leonie Böhm schafft mit „Yung Faust“ lustige Momente, freie Momente, gefühlvolle Momente. Die Lust und Leidenschaft der Schauspieler begeistert und reißt mit. Leonie Böhm schafft es mit ihrer Version von „Faust“ durch den Transport in die popkulturelle Welt, ihren eigenen Gedanken von „Faust“ ins Jetzt zu übersetzen. Nach nur einer Stunde „Faust“ fühlt es sich an, als hätte man sich gerade selber von seinem Leid befreit.

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