Leidensgeschichten

Die New Yorker Produktion „50/50 Old School Animation“ beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater verwandelt das Harmlose ins Gewalttätige.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Ein „Diptychon für zwei Frauen“, so heißt es im Programm. Das, was sich in den fünfzig Minuten auf der kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters abspielt, ist ein Tafelbild des Leidens. Zwei Teile, zwei Monologe, zwei Geschichten über Schmerz – und  die Anklage: Schuld an diesem Schmerz haben wir alle. In „50/50 Old School Animation“,  inszeniert von Julia Mounsey und Peter Mills Weiss, wandelt sich in weniger als einer Stunde das Harmlose zum Gewalttätigen.

Unerträglich langsam und unerträglich unverfänglich beginnt der erste Teil: „Can anyone hear me OK?“, fragt Mounsey, die erste der zwei Protagonistinnen, die, wie sie selbst, Julia heißt. Sie steht im leeren Bühnenraum, nur sie und ein Mikrofonständer, und löst gleich zu Beginn die Schauspielillusion auf, indem sie erklärt: „Ich werde jetzt etwa zwanzig Minuten sprechen, dann gibt es eine Performance“. Beinahe regungslos, fast ohne Modulation der Stimme, spricht sie weiter. Ihr Blick, direkt in das hell beleuchtete Publikum gerichtet, bleibt mal an dem einen, mal an einem anderen Zuschauer hängen. Es folgt eine Reihe immer abgründigerer Geständnisse. Die Zeit scheint zu stocken und im Raum ist es so still, dass man leise und dumpf die Krankenwagensirenen hört, die draußen auf der Straße vor dem Theater vorbei fahren.

Es geht um das Wesen des Bösen, nicht als angeborener Instinkt oder erlernte Neigung, sondern als etwas, das sich in der Luft, in der Kultur, ja – im Universum manifestiert und das sich von Zeit zu Zeit entladen muss.

Julia erzählt von einem besonders grausamen gif, das sie kürzlich gesehen hat. Und fragt das Publikum, ob es jemals etwas erlebt hat, „so well made it’s almost like no one made it . . . like the world made it“. Plötzlich fängt sie an, sich im Raum zu bewegen. Stellt nach, was in dem gif gezeigt wird: Ein Frau, gefangen in einer grausam detailgenauen Fantasie-Apparatur, dazu gemacht, ihr die Haut vom Leib abzuziehen. Das gif heißt: „50/50 old school animation of a girl coming out of her shell“.
Ihre zunächst täuschend naive und persönliche Beichte wandelt sich zu einer Reflexion über eine kollektive Fähigkeit zur Grausamkeit. Ihre unausgesprochene These: Gewalttätigkeit ist im kollektiven Unterbewusstsein verankert und findet unter Umständen auch in der Kreativität ein Ventil.
Auf das Philosophieren über das Leiden folgt im zweiten Teil eine Frau, die leidet, so wie sie da vor uns steht. Mo, die ebenso heißt, wie die Mo Fry Pasic, die sie verkörpert, ist frenetisch, hektisch fiebrig. Ganz so wie ihr Haustier, ein kreischender Wellensittich, als Video auf einem Monitor im Loop. Im Gegensatz zu Julia spricht Mo nicht zum Publikum, sondern interagiert mit unsichtbaren Personen über ihre technischen Geräte. Sie ist eine dieser obsessiven Multitaskerinnen, durch moderne Kommunikationstechnologie lebt sie in einer Welt, die für sie eine ständige Kommandoschaltzentrale darstellt. Sie ist immer für alle erreichbar, und fordert das auch von ihrem Gegenüber. Als ihre Rufe ins Leere gehen und eine ihrer Beziehungen zerbricht, verfällt sie in Hysterie.
Die Dynamik dieses Abends ist überraschend – und  wird im Laufe der Performance verstörend. Sie ist dem Spiel mit der Authentizität geschuldet, dass Peter Mills Weiss und Julia Mounsey hier kreieren. Sie schaffen eine Doppelbödigkeit, die Glauben und Unglauben im Zuschauerraum auslöst. Die Reflexionen der Figuren auf der Bühne werden zu denen des Publikums, das, nach dem alles vorbei ist, leise und betroffen den Raum verlässt. Nicht ohne einen großen Bogen zu machen, um den Fleck Erbrochenes, den Auslöser ihres Schmerzes, den Mo am Ende hervorgewürgt hat.

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