Work Out – so weit, so fatal

Beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater präsentiert das Kollektiv The Agency die Zukunft des menschlichen Körpers in der Performance „Medusa Bionic Rise“.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Kunst und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theater-, Operngänger und Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Kulturlebens: das Schaffen und Erleben von Kunst.

Sportschuhe und Shorts statt Schreibblock und Stift! Mit dieser Ausstattung begebe ich mich in München Richtung Westend. Im dortigen Kulturzentrum Z Common Ground findet die Aufführung von „Medusa Bionic Rise“ des Kollektivs The Agency statt. Das Ganze wird als „immersive Performance über körperliche und mentale Selbstoptimierung“ angekündigt – wozu man im Alltag eher Fitness Work Out und Gehirntraining sagen würde. Ich erwarte viel Schweiß.

Der Eintritt bestätigt erstmal die Annahme: Taschen und Jacken müssen abgeben und Smartphones ausgeschalten werden. Dann werden die Zuschauer oder besser gesagt die Teilnehmer zu viert im Aufzug nach oben gefahren. Zwei Damen legen jeder und jedem zur Begrüßung ein rotes Band um den Hals. Ich denke mir: Weekend Motivation!

Das obere Stockwerk des Z Common Ground – ein mit Graffiti übersätes Gebäude, mit anderen Worten ein Fremdkörper in München – ist tatsächlich in ein fancy setting verwandelt worden. Die steril-weißen Büroräume sind mit Matten, Podesten, Schaumstoffwänden möbliert. Die Rollläden zu. Das Neonlicht an. Es gibt eine DJ-Pult, an dem ein drahtiger DJ den Elektro-Beat reguliert, und eine Bar, an der Proteinshakes in Reagenzgläsern serviert werden. Die 13 Darstellerinnen und Darsteller von The Agency tragen Fitness Outfits und Knieschoner und hüpfen herum, dehnen sich, quatschen die nach und nach eintreffenden Teilnehmer an. Manche machen mit. Soweit, so sweaty.

In einem separaten Raum werden Videos gezeigt, in denen Menschen über ihre Implantate sprechen oder ihre Liebe zu Menschen mit Implantaten. Die Teilnehmer sitzen um einen Tisch mit Kopfhörern. Die Anordnung erinnert an ein Pro-Seminar über Cyborgs und Trans-Humans. Soweit, so akademisch.

Im großen Raum werden mittlerweile im Rhythmus immer lauter und immer schneller Liegestützen, Kniebügen, Sit-ups gemacht. Dazu die fordernde Stimme von Stacyian Jackson: „Your body is an option! Your body is a story! Your body is a battlefield!“ Es wird solang gerannt und geboxt, bis eine Frau die Decke und Rollläden einschlägt. Eine andere Darstellerin fällt um, wird weggetragen und einbalsamiert. Ok, Selbstoptimierung bis zur Selbstzerstörung. Soweit, so banal.

Selbst die Fitness-Club-Atmosphäre löst sich irgendwann im Nichts auf. Haben anfangs die Teilnehmer noch teilweise mitgemacht, sind sie im Laufe der Performance immer passiver und gelangweilter geworden. Wieder Stacyian Jackson im Training-Sing-Sang: „Seductive mode. Anger mode. Show-off mode.“ Die 13 posieren im jeweiligen Modus. Dann verschwinden sie nach und nach. Weder Sportschuhe noch Shorts waren nötig! Der „potentielle Widerstand im post-digitalen Zeitalter“ von „Medusa Bionic Rise“ bleibt damit erstmal potentiell. Die Message ist erstaunlich platt, die Motivation am Tiefpunkt. Zwei Stunden im Gym wären wohl effektiver gewesen – sowohl in physischer wie intellektueller Hinsicht. Soweit, so schlecht.

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