Raus aus der Komfortzone

„Joueurs, Mao II, Les Nomes“: Ästhetisch fulminant inszeniert Julien Gosselin beim Festival d’Avignon drei Romane von Don DeLillo.

Von Stefan Fischer

Theater als Exzess. Zehn Stunden, keine Pause. Laut, schnell, überwältigend. Am Ende sind alle erschöpft: Menschen, Materialien und Mittel.

Julien Gosselin hat drei Romane von Don DeLillo inszeniert: „Spieler“, „Mao II“ und „Die Namen“. Die Kurzgeschichte „Hammer und Sichel“ dient ihm zusätzlich als Zwischenspiel. Mehr als tausend Seiten Textmaterial für eine Bühnenschlacht im Theater „La Fabrica“ in Avignon. So präzise choreografiert, dass man Gosselin, seine Schauspieler und seine technische Crew nur bewundern kann.

Der erste Teil von „Joueurs, Mao II, Les Nomes“ ist herausragend. Gosselin bedient sich dafür filmischer Mittel, die er jedoch konsequent theatral einsetzt. Das Publikum sitzt vor einem riesigen und zwei kleineren Bildschirmen, auf die übertragen wird, was sich hinter ihnen abspielt. In diesem Dahinter befindet sich ein Set wie beim Film, das von den Darstellern bespielt wird. Wände fassen es von allen Seiten ein, doch nach oben ist es offen. So dass man als Zuschauer zwar nicht hineinsehen kann, aber beobachtet, wie mal in der einen Ecke und dann wieder auf der anderen Seite Licht an- und wieder ausgeht, wie der Bühnennebel nach oben steigt. Die Unmittelbarkeit des Theaters bleibt erkennbar erhalten.

Die Kamera folgt den Schauspielern nicht wie in den Inszenierungen von Frank Castorf mit einer brachialen Besinnungslosigkeit. Man spürt und sieht vielmehr, wie präzise die Abläufe geprobt sind. Handwerklich ist das eine immense Leistung. Es ist aber viel mehr, nämlich der geglückte Versuch, dem Theater eine ästhetische Gegenwart zu erschaffen, die es zukunftsfähig macht. Das Theater erweitert länger schon  das Repertoire seiner formalen Mittel, ohne sich im Umgang mit diesen inzwischen gar nicht mehr so neuen Möglichkeiten immer sicher zu sein. Da ist nach wie vor viel Suchen und Tasten, da ist viel So-sein-wollen wie die anderen, voran wie der Film. „Joueurs, Mao II, Les Nomes“ aber weiß sich der vereinnahmten Mittel zu bedienen und bleibt deshalb ganz entschieden Bühnenkunst. Julien Gosselin adaptiert filmische Techniken, ohne Film machen zu wollen.

Alles, was wir sehen, ist live gespielt, sogar die Rückblenden – schon das ist ein elementarer Unterschied zum Kino. Vor allem aber macht den Film im Kern die Montage aus. Bei Gosselin gibt es keine Schnitte, keine Überblendungen. Jede Szene ist eine Plansequenz, eine Kamera folgt den Schauspielern in ihren Bewegungen, extrem selten nur hören wir eine Stimme aus dem Off. Im Zentrum der Bilder stehen immer die Figuren. Am Ende jeder Szene geht die Kamera aus und für die nächste Szene an einem anderen Ort wieder an.

Dadurch wird eine optische Realität erzeugt, die das analoge Theater so nicht visualisieren kann. Erst die Kamera schafft die Räume, durch die diese Inszenierung sich bewegt. Einmal läuft ein Paar sogar hinaus auf die Wiese hinter dem Theater, um es dort miteinander zu treiben. Der Zuschauer nimmt die Position der Kamera ein, er begleitet die Figuren aus nächster Nähe. Er sitzt neben ihnen im Restaurant oder auf dem Sofa, steht neben ihnen auf einer Party oder im Fahrstuhl, liegt mit ihnen im Bett.

Das Tempo ist hoch, die Aufführung extrem rhythmisiert auch durch elektronische Musik, die ebenfalls live erzeugt wird. Die Schauspieler sind maximal präsent, ihr Spiel hat die notwendige Kraft, um dem Ausgestelltsein durch die Kamera standzuhalten. Vor allem Denis Eyriey und Caroline Mounier, die in „Joueurs“ Lyle und Pam spielen, ein Paar, immer noch angezogen voneinander und doch routiniert in seinem Alltag. Sie haben zwei starke Gegenüber in Rémi Alexandre und Maxence Vandevelde als schwules Paar, Ethan und Jack. Auch Carine Goron als blondes Gift, Adama Diop als Attentäter und später als Risikomanager und Frédéric Leidgens als alternder, zurückgezogen lebender Schriftsteller Bill Gray sind wunderbare Schauspieler.

Alle drei Romane drehen sich um einigermaßen erfolgreiche Menschen, die von der Risikolosigkeit ihrer Existenz gelangweilt sind. Die kleinsten Abenteuer sind die sexuellen. So schläft Pam am Ende von Joueurs mit dem schwulen Jack, Lyle wiederum lässt sich mit einem Dildo penetrieren. In „Mao II“ schläft eine junge Frau, die mit dem Assistenten des Schriftstellers liiert ist, auch mit Gray. Und in „Les Nomes“ sind die Paare, die in Athen die Homebase für ihre globalen Geschäfte haben, auch deshalb miteinander befreundet, weil sich so immer wieder die Gelegenheit ergibt, auch mit den Partnern der anderen ins Bett gehen zu können.

Aber diese Eskapaden sind längst kein Tabubruch mehr und stillen entsprechend die Sehnsucht nach einem Ausbruch aus der Geborgenheit westlicher Zivilisationen nicht dauerhaft. Die Gier nach dem Außergewöhnlichen ist größer, deshalb schlittern Figuren aus allen drei Erzählungen naiv und bereitwillig in terroristische Abenteuer, von denen jedoch nie ganz klar wird, wie bedrohlich diese wirklich sind. Lyle lässt sich anwerben von einer Terrorzelle, die ein Attentat auf die Wall Street verüben möchte – ob sie die Fähigkeit dazu hat oder ob es sich um Menschen handelt, die von den selben Sehnsüchten getrieben werden wie Lyle und nur schon einen Schritt weiter sind, bleibt dahingestellt. Der Schriftsteller wiederum lässt sich einspannen in eine Mission, die einen im Libanon entführten Schriftsteller-Kollegen befreien soll. Und in „Les Nomes“ heften sich ein paar Typen an die Fersen einer obskuren Schwadron, die nach einem schwer zu ergründenden Muster Menschen tötet.

Nach und nach werden die Außenwände des Sets abmontiert, und man kann immer weiter in die Tiefe der Bühne nicht nur vermittels der Kameraübertragungen blicken. Tiefer in die Geschichten dringt man jedoch nicht vor. „Joueurs, Mao II, Les Nomes“ bietet nach dem fulminanten ersten Teil nur noch Variationen des bereits Gesehenen. Das gilt für die Motive ebenso wie für die ästhetischen Mittel. Die Inszenierung flacht ab, obschon sie nach wie vor auf einem hohen Niveau bleibt. Sie ist aber nicht mehr überraschend und nicht mehr so zwingend wie in den ersten drei Stunden.

Hätte Julien Gosselin sich auf „Joueurs“ beschränkt, er hätte eine sensationelle Inszenierung präsentiert. So aber hat er sich in einen Abnutzungskampf begeben, in dem er sich wacker schlägt. Den er aber nicht triumphal gewinnt.


Szenen einer Aufführung

„Joueurs, Mao II, Les Nomes“: Diese gewaltige Aufführung wiederzugeben, führt jede Kritik an ihre Grenzen. Weshalb wir ihr noch einige essentielle Beobachtungen anfügen.

  • Countdown

    Von Maike Müller

    Gerade noch war das Publikum aufgesprungen, die Menschen sind wie Hummeln herumgeschwirrt und haben sich auf den leer gebliebenen Plätzen in der Mitte der Sitzreihen niedergelassen. Nun ist es ganz still in der Fabrica. Erwartungsvoll still. Bei Julien Gosselin ist alles perfekt getimt – auch dieser angespannte Moment, bevor auf der Bühne das erste Wort gesprochen wird. Er gibt ihm eine Minute. 00:59… 00:58… weiße Zahlen laufen über die drei Leinwände – die große in der Mitte über den Köpfen der Wartenden, die beiden kleineren links und rechts darunter. Mit jedem Piep vergeht eine Sekunde. Das Theater: eine tickende Zeitbombe. 00:46... 00:45... Dieser Countdown wird uns später in der Aufführung wiederbegegnen, allerdings eine ganz andere Wirkung haben. 00:33... 00:32... Zehn Stunden wird die Aufführung dauern. 00:21… 00:20... Können wir das wirklich so lange aushalten, wenn sich die erste Minute schon anfühlt wie eine Ewigkeit? 00:15... 00:14... Es ist fast so weit. 3.. 2.. 1.. 0. Dunkelheit. Ein lauter Knall. Der Wecker hat geklingelt. Aufwachen: Nun zehn Stunden. Die erste Minute ist geschafft.

  • Durchbruch

    Von Carolin Werthmann

    Eine Stunde schon sind die Augen auf die Leinwand gebannt, folgen dem pulsierenden Geschehen, das sich als filmisches Ereignis in diesem Theater offenbart. Pulsierend wie die Elektro-Vibes und Bässe, die die Bilder begleiten. Den Zuschauer in einen Rausch versetzen. Ihn auch nach mehreren Stunden jegliches Zeitempfinden ausblenden lassen. Die Szenen sind ungeschnitten. Erinnerungen an „Victoria“ von Sebastian Schipper drängen sich auf. Plansequenz folgt Plansequenz, alles innerhalb aristotelischer Einheit von Raum und Zeit. Eine Stunde und bisher mehr Film als Theater. Doch Lichtwechsel, Stimmen und Schritte hinter der Leinwand beschwören subtil, was in wenigen Sekunden passieren wird: Der Höhepunkt der Verschmelzung von Film und Theater. Musik dröhnt in den Ohren wie in einem Nachtclub. Die Leinwand zeigt Lyle. Er reißt sein Hemd herunter, starrt in die Kamera, starrt ins Publikum, tanzt. Bereit für sein Date mit Rosemary. Im selben Moment betritt Rosemary die Bühne. Ein Kameramann folgt ihr, wartet auf jenen Moment, wenn Bühne und Leinwand verschmelzen werden. Die Bässe hämmern wie Herzschläge unter Adrenalin, Sekunden nur noch bis passiert, was vom Zuschauer längst vermutet: Endlich durchbricht Lyle die Tür, durchstößt die Wand, die so lange den Blick auf das Theater dahinter verschlossen hat, und Licht strahlt in den Zuschauerraum, und es ist nicht mehr allein Lyle, den wir auf der Leinwand sehen, sondern nun auch Rosemary, aus der Perspektive des Kameramanns hinter ihr. Lyle und Rosemary finden sich. Umschlingen sich. Kameraauge und Zuschauerauge synchron. Tanz unter Stroboskop-Gewitter.

  • Pausenspiel

    Von Tatjana Michel

    Der erste von drei Don-DeLillo-Romanen, den Julien Gosselin als Mammutinszenierung mit zum Festival d’Avignon brachte, war gespielt. Nach drei Stunden „Spieler“ strömen die Zuschauer nach draußen, um sich mit Flüssigkeit und Essen zu versorgen. Doch Gosselin hatte zehn Stunden Theater versprochen. Von einer Pause war nie die Rede. Während die riesigen Aufbauten hinter einem Vorhang weggeräumt und für den zweiten Teil ausgetauscht werden, steht ein einsamer Mikrofonständer an der Mitte der Rampe. Ton in Ton zum orangefarbenen Vorhang tritt Maxcene Vandevelde im Rüschenhemd davor. Zuvor hatte er sich in der Rolle des Jack mit Benzin übergossen und angezündet. Jetzt zwinkert er kokett in die Kamera, singt vom Mond, der sein Herz reflektiert, wie sehr er liebt, wie tief. Alles auf Chinesisch. Dazu deutet er mit Gesten, die dem besten Schlagersänger würdig sind, ins Publikum, schwingt die Arme von recht nach links, flirtet mit seinen Zuschauern, während er sich dem Herzschmerz der Welt hingibt. Kurz vor Ende tritt Victoria Quesnel dazu. In roten Pumps und im traditionell chinesischen Cheongsam gibt sie das Gegenstück zum Herzensbrecher Vandevelde. Natürlich auch auf Chinesisch. Und wer möchte, bekommt den Text als Schriftzeichen und französische Übersetzung für eine Karaokeeinlage auf der Leinwand dazu. Dann übernimmt Quesnel die Bühne für sich. Maoistische Propagandapopsongs schmetternd, patrouilliert sie wie ein Soldat auf und ab. Die Botschaft einer besseren kommunistischen Welt hätte sie zuvor als Rebellenführerin im „Spieler“ ebenfalls geteilt, doch während sie die Texte ins Mikrofon flötet, parodiert sie jetzt Sodaltenaufmärsche und spielt mit der Kamera, die sie auf die Leinwand überträgt. Noch nie war die kommunistische Botschaft so sympathisch schön.

  • Autor ohne Gesicht

    Von Michael Kohl

    Kein Vorhang und keine Stellwände mehr, die den Blick auf die Bühne versperren könnten, wie noch in „Spieler“, dem ersten Teil des zehnstündigen Don-DeLillo-Abends. Jetzt, in „Mao II“, sind die Figuren in einem Glaskasten der Sicht des Publikums vollständig ausgeliefert. Nicht einmal der zurückgezogene Autor Bill (Frédéric Leidgens) kann sich darin verstecken. Die Fotografin Brita packt ihre Kamera aus, schießt Bilder für ihre Porträtsammlung und platziert ihn vor der Pinnwand mit seinen Schreibnotizen, während die beiden heftig miteinander diskutieren: „Vor Jahren habe ich es noch für möglich gehalten, dass ein Schriftsteller das Wesen der Kultur verändern könne. Jetzt haben Bombenbastler und Schießwütige das Territorium besetzt.“ Bill, der seit einigen Jahren am nächsten Roman arbeitet, verfällt in Lethargie angesichts seiner schwindenden Bedeutung. Brita will ihn zur Veröffentlichung antreiben, doch plötzlich wendet sie sich ab. In diesem Moment wird ihr klar, dass weder das Werk eines gesichtslosen Autors noch ihre Bilder von ihm dem Terror ein größeres Narrativ entgegensetzen können.

  • Sprachlos

    Von Anna Landefeld

    Theater beginnt da, wo die Sprache aufhört. Wer nun widersprechen möchte, dass doch gerade das Theater aufhöre, wenn die Sprache aufhöre, irrt – zumindest bei Julien Gosselins monströsem Koloss von einer Aufführung „Joueurs, Mao II, Les Nomes“ beim Festival d’Avignon. Zehn Stunden DeLillo, Literatur-Live-Verfilmung – ein Knock Out für jeden, der textlich nur erahnt, was da so vor sich geht. Zu Beginn hangelt man sich noch von vertraut klingenden Wörtern und sucht diese mit Mimik, Gestik der Schauspieler, mit Bühne und Licht in irgendeine Verbindung zu setzen. Am Ende ist das Vorhaben nutzlos, zu mächtig der Text, zu viel. Man selbst verabschiedet sich von Aktion in Kontemplation: auf müheseligste, geistige Arbeit folgt nachdenkliches Sinnen. Und da kommt nun Julien Gosselin, der Retter – mit seiner Bildgewalt, mit seinen Räumen, die er mit der Kamera schafft, die es vorher gar nicht gab. Mit seinem ideenreich durchchoreografierten Ensemble, das an Mimik und Gestik so reich ist, dass man auch ohne ein einziges Wort zu verstehen doch weiß, wer hier wie zu wem steht. Was in hohem Tempo aus ihren Mündern sprudelt, vollkommen nebensächlich. Eigentlich gar keine so schlechte Idee, dieses laute Stumm-Theater.