Sehnsucht nach der Sensation

„OVNI(S)“ ist eine Adaption des gleichnamigen Stücks von Ivan Viripaev durch das Marseiller Theaterkollektiv „Ildi! Eldi“. Das  Quintett erzählt beim Festival d’Avignon die Geschichten außerirdischer Begegnungen.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Fünf Zeugen stehen auf der Bühne. Lächelnd, aufrecht. Sie teilen die Notwendigkeit eines intimen Geständnisses. Sie leben in Hong Kong, Australien, den Vereinigten Staaten – sind Game-Designer, Kurier, Oligarch und versuchen Worte zu finden für das, was sie erlebt haben. Sie behaupten, in Kontakt mit Außerirdischen gewesen zu sein, einen Moment in Gegenwart einer anderen Lebensform erlebt zu haben. Es sind Berichte, die nichts mit dem anthropozentrischen Alien-Bild zu tun haben, das im Science-Fiction-Genre oft erzählt wird. Jenseits von fliegenden Untertassen oder gelbäugigen, grünen Wesen finden die Figuren eine andere Sprache, andere Beschreibungen für das Fremde. Ihre Außerirdischen sind keine Wesen im eigentlichen Sinne, sondern Gefühle, Emotionen – erlebt in einem Zustand des persönlichen Deliriums.

Ivan Viripaev hat diese Menschen gefunden, ihnen zugehört, sie ernst genommen. Nun stehen sie hier im Theater, von Schauspielern verkörpert. Das sei so, weil das Kino seine Arbeit nicht wollte, wird zu Beginn des Abends aus einem Brief des russischen Autors verlesen. Sein ursprünglich geplanter Dokumentarfilm kam wegen fehlender finanzieller Mittel nicht zustande. Die Bearbeitung dieses Skriptes durch dem Autor und Performancekünstler Jérome Game greift nun auf der Bühne die Herausforderung auf, den Alien-Mythos in Worte zu fassen. Fünf der ursprünglich vierzehn gesammelten Geschichten bringt das Kollektiv „Ildi! Eldi“ in „OVNI(S)“ auf die Bühne des Théâtre Benoît XII in Avignon als Teil des Festivals.

Mikrofone, Scheinwerfer, Reflektoren stehen bereit. Ein Stuhl wird an eine zuvor sorgfältig markierte Stelle gerückt, eine Kamera installiert. Menschen umwuseln dieses inszenierte Filmsetting, rücken die Technik zurecht, ermutigen die Zeugen, ihre Geschichten zu erzählen. Es sind intime Bekenntnisse. Weniger echte, erlebte Begegnungen als vielmehr Beschreibungen von Wahrnehmungen in lebensverändernden Momenten. Eine junge Frau erzählt vom Blitzeinschlag in ein Café und ihrem paradoxen Gefühl absoluter Sicherheit während dieser furchtbaren Sekunden. Sie habe eine Präsenz gespürt, die nicht von dieser Welt habe sein können. Ein anderer läuft durch einen Mikrofon-Wald und sinniert über seine Begegnung mit einem Wesen, dessen Energie er in der Umarmung der Bäume gespürt habe. Während die Zeugen ihre Erlebnisse rückblickend analysieren, verändert sich das Bühnenbild. Die Aufbauten des Filmsettings verschwinden, verwandeln sich in die Orte der Erinnerungen, in Räume der Freiheit, in denen die Vernunft keinen Platz mehr hat.

Nicht weniger als das große Geheimnis unserer Präsenz auf der Erde wollen Viripaev und Game an diesem Abend verhandeln. Die Sehnsucht des Menschen nach dem Ungreifbaren, Immanenten artikulieren. Sie lassen Menschen erzählen, die ihre Realität in Frage stellen und sie ihrer eigenen, ungehemmten Logik nach entziffern. In vielen Momenten funktioniert dieses Erzählen nicht. Dann, wenn die Bühne begleitend zur poetischen Sprache Repräsentationsmittel bemüht, die nicht mehr sind als anekdotische Elemente. So zum Beispiel ein großer klarsichtiger Ball, in dessen zunächst leere Hülle einer der Erzählenden steigt. In langen Minuten füllt er sich mit Luft, der in ihm agierende Schauspieler – warum auch immer – nackt. Dieses Ballspiel fügt der Sprache nichts hinzu, bebildert nur, was bereits erzählt wurde.

An anderen Stellen aber gelingt es den Regisseuren in dieser humorvollen Inszenierung, einer hybriden Form aus Bericht und Poesie, die Grenzen der Bühne zu öffnen. So etwa im Schlussbild: Die Requisiten liegen zerlegt, sortiert, aufgereiht auf der Bühne. In der hinteren linken Ecke, ein Raum durch drei Seiten begrenzt. Ein Zimmer mit Fensteröffnung. Die Schauspieler verschwinden darin, das Innere erglüht hellgelb. Die Wände fangen an zu zittern. Der Beat aus dem Off wird lauter. Und dann erhebt sich dieses Ufo ganz langsam in einem Lichtstrahl in die Höhe. Fünf Paar Füße schweben davon.

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