Freudiges Ereignis

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Gemeinsam mit ihrer Mutter und der Sängerin Sílvia Pérez Cruz erforscht die Tänzerin Rocío Molina Cruz beim Festival d’Avignon in „Grito Pelao“ ihre Mutterschaft im Flamenco.

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

Der Beginn von „Grito Pelao“ lässt Schlimmstes erahnen: In wallendes Gewand gehüllt positioniert sich Rocío Molina Cruz mit nichts als einem Stuhl in der Hand auf der weitläufigen Open-Air-Bühne des Cour du Lycée Saint-Joseph. Sitzend holt die spanische Flamencotänzerin dazu aus, das Thema des Abends vorzugeben, indem sie, einem Fluglotsen gleich, überdeutlich immer wieder auf ihren Bauch und ihre Vagina deutet. Dann räkelt sie sich und zuckt, den Rücken durchgedrückt, auf ihrem Stuhl, als hätte das Wesen in ihrem Inneren eine sie fremd bestimmende Macht. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden hat, dass die Schwangerschaft der Tänzerin Inspiration dieses Abends sein wird, dem könnten nur noch Großbuchstaben an der Fassade des Jesuitengebäudes helfen.

Diesem plakativen Einstieg folgen jedoch kraftvolle Bewegungen und eindringliche Töne, die die Veränderungen, die mit einer Schwangerschaft einhergehen, subtil vermitteln. An der Seite ihrer eigenen Mutter Lola Cruz erforscht die Tänzerin die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Diagonal an beiden Enden des Tanzbodens stehend, nur durch ein Bassin getrennt, geben sich beide Generationen den gleichen Bewegungen hin, reflektieren so über Gemeinsamkeiten und immer präsenten Abgrenzungsbedürfnisse, die noch stärker sind, je ähnlicher man sich ist. Dann tanzt die Tochter für die Mutter, eine besondere Nähe schaffend, als hätten sie die 750 Zuschauer um sich herum vergessen. 

Jeder Schritt, jeder Tritt, jede Handbewegung ihres modernen Flamencos ist dabei so stark und präzise, dass die Frage, ob die Schwangerschaft die Tänzerin in ihrem Schaffen einschränkt, verworfen werden muss. Noch ist der Bauch im vierten Monat nur als Ansatz vorhanden, das Kind ein kleineres Hindernis, als es in zukünftigen Darbietungen sein wird, jedoch lässt Rocío Molinas Leidenschaft und Hingabe die Vermutung zu, dass eine Schwangerschaft und der Tanz nicht zwei sich ausschließende Zustände sein müssen. Vielmehr scheint diese Spannung neue Bewegungen zu inspirieren und Ideen hervorzubringen.

Die sich verändernde Körperlichkeit beeinflusst jedoch nicht nur den Tanz und damit den Beruf, sondern die Wahrnehmung von sich selbst und durch andere. Im Dialog aus Bewegungen und melancholischer Musik, mit der Sängerin Sílvia Pérez Cruz, erforscht Rocío Molina ihren Körper und ihre Sexualität. Die Verschränkung dieser mit gewaltiger Präsenz ausgestatteten Frauen oszilliert zwischen Weichheit, Sinnlichkeit und Spannung. Durch die mit dem gleichen Nachnamen benannte Sängerin entsteht außerdem eine weitere Ebene: Die Frage nach Verwandtschaft, Zugehörigkeit, Umgrenzung und Abgrenzung von Familie wird gestellt.

Zusätzlich zu der Sängerin verstärken vier Musiker am Bühnenrand die Darstellung der drei Frauen auf der Bühne. Jede Körperbewegung untermalen sie mit ihrem Spiel und schaffen so eine Tiefe und Reichweite, die mühelos den geräumigen Innenhof füllt.

In diesen Momenten, wenn Musik, Sänger und Tänzer einen Sog aus Bewegung und Musik erschaffen, verliert man sich. Dann lenken allerdings opulente Lichtbilder, die darüber hinaus auch noch esoterisch, kitschig anmuten, wenn sie das Weltall und damit die Nichtigkeit eines neuen Wesens oder das Innere des Uterus selbst darstellen, nur ab. Dieser Versuch, das große Ganze zusätzlich in der Inszenierung zu verarbeiten, lässt sie an diesen Stellen ins Banale abgleiten. Die persönlichen Erfahrungen, Eindrücke, Fragen und Ängste Rocío Molinas als Schwangere hätten genügt für einen mitreißenden Abend.