Kannibal Lektor

Im Cour d’Honneur des Papstpalastes von Avignon läuft eines der brutalsten Stücke der Theatergeschichte: „Thyestes“ von Seneca. Großartig bildgewaltig. Nur wieviel der Text mit unserer Zeit zu tun hat, entgeht dem Regisseur Thomas Jolly.

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

Einsam tastet sich ein Mann durch die Ruinen eines Kolosses. Streicht mit verbunden Augen vorbei an einer gewaltigen Hand, klettert auf das meterhohe Antlitz eines zerschmetterten Bronzeschädels und balanciert von dort blindlings – seine blutrote Augenbinde flattert im Mistral – auf ein Gerüst dahinter. Dieser Mann zückt einen Bogen, zieht ihn über das Metallgeländer und plötzlich durchklingt das alte Gemäuer des Papstpalastes in Avignon der verhängnisvolle Bass einer Schicksalsmelodie. Für einen Moment denkt man, Teil eines großen Abenteuers zu sein. Ein archäologisches Graben in den Erfahrungssedimenten des antiken, europäischen Theaters. Die Geschichte von Thyestes, die brutalste Episode des Generationenzwists von Tantalos bis zu Orest, ist perfekte Folie für ein Europa, das sich wieder einmal grundlos entzweit. Doch nach diesem verheißungsvollen Intro schält sich ein Tantalos im Glitzerdress aus der Erde und beginnt pathetisch in alter Laier zu deklamieren.

Thomas Jolly hat Senecas „Thyeste“ wiederentdeckt. Ein Text, der tief beeindruckt in seiner Doppelgestalt aus archaischer Splatter-Mär und stoischer Philosophie. Es ist die dritte Auflage der innerfamiliären Fehde im Hause Tantalos. Die Pelops-Söhne Atreus und Thyestes hassen sich. Es geht um ausgespannte Ehefrauen und die Krone Griechenlands. Pikanterweise ist es der Sieger dieses Machtkampfes, Atreus, der trotz seines Triumphes nicht zur Ruhe kommt und den Streit erneut befeuert. Er entsinnt ein „Verbrechen, niemals sühnbar, überboten von keinem“, schlachtet die drei Söhne seines Bruders, verkocht sie zu Eintopf und Grillspießen und serviert sie Thyestes als Mahl.

Seneca entwickelt aus dieser Gruselgeschichte altgriechischer Lagerfeuerabende eine parabelhafte Erzählung über die gefährliche Dynamik politischen Machtstrebens. Macht und die damit einhergehende Angst vor Machtverlust korrumpieren den inneren moralischen Kompass. Der Schritt vom Machtmensch zum Monster ist klein. Ein Thema, das an Aktualität nichts eingebüßt hat. Weder global, noch europäisch und erst recht nicht in Frankreich. Seneca spitzt diese Fragestellung dramatisch zu, indem er den kannibalistischen Bruderzwist und den polit-philosophischen Chor sehr geschickt miteinander verzahnt und dabei die Angst als das gefährliche Schlüsselgefühl einer Gesellschaft herausarbeitet. „König ist, wer von Angst befreit hat (…) sein Herz.“

Mit dem mittelalterlichen Atrium des Papst-Palastes in Avignon hat Jolly die perfekte Bühne für diesen Stoff. Es gibt keinen sinnbildlicheren Ort eines sinnlosen Binnenschismas. Selbst in seiner kulinarischen Abgeschmacktheit. Die dekadenten Gegenpäpste, so heißt es, hätten den Biber kurzerhand zum Fisch erklärt, um auch freitags Fleisch genießen zu können. Und Jolly versucht, dieses symbolträchtige Gemäuer zu nutzen. Als sein Tantalos den Fluch auf sein Haus erneuert, klopft er an die Wände des Cour d’Honneur und die Palastfenster blitzen bedrohlich, als brenne dahinter Höllenfeuer. Später strömt schwarzes Geschmeiß aus den obersten Fenstern der Fassade und der Mistral trägt die schwarzen Papierstücke gleich einer biblischen Plage ins Publikum. Es sind Effekte von einer unheimlichen Gewalt, die Jolly diesem Spielort abringt.

Spielort, Bühnenbild, Text. Alles perfekt. Doch Jolly, der übrigens selbst den sehr schwachen Thyestes gibt, schafft es trotzdem, das Stück komplett an unserer Zeit vorbei zu inszenieren und lässt den brisanten Stoff in selbstgefälligem Deklamationstheater verpuffen. Absurderweise wird das am deutlichsten, wenn er sich einmal traut, zeitgemäß zu sein. So lässt er den antiken Chor rappen. Eine an sich kluge Entscheidung. Der Rap als widerspenstigste Spielart des Pops. Bei Jolly aber heißt das: Eine Frau steht im Reggae-Dress auf der Bühne, nudelt den unglaublich klugen Chortext herunter wie eine Litanei. Dem Urtext wird nicht der nötige Raum zugestanden, um sich zu entfalten. Dem Bedeutungsschwangeren folgt eine geistige Fehlgeburt, weil sich Form und Inhalt bei Jolly ständig im Weg stehen. Heraus kommt Theater altbackener als sein antiker Text.

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