Gefakte Faustschläge

Milo Rau und seine Brüsseler Gruppe aus Laien und Schauspielern mischen das Festival in Avignon auf, indem sie in ihrer Inszenierung „La Réprise“ die Grenzen des Theaters an einem realen Mordfall aufzeigen.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Was ist das Extremste, das Sie jemals gespielt haben? Drei Schauspieler – Suzy Cocco, Fabian Leenders, Tom Adjibi – werden von einem dreiköpfigen Regieteam nach ihrer Biografie und ihren bisherigen Theatererfahrungen befragt. Spätestens als die Gecasteten zum Test eine schauspielerische Extremsituation vorspielen sollen – zu weinen, sich auszuziehen oder sich zu prügeln –, aber zögern und sich sogar weigern, merkt man das laienhafte Spiel des Trios. Für sie sind die Grenzen des Darstellbaren erreicht.

Dann geht das eigentliche Drama los im Gymnase du Lycée Aubanel: „La Réprise“ – geschrieben und inszeniert vom Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau. Professionelle Schauspieler und Laiendarsteller vermischen sich. Es geht um das Wiederholen, das Reenactment eines realen Mordfalls an einem schwulen Mann in der belgischen Industriestadt Lüttich. Die Nacht der Tat wird in klassischen fünf Akten aus Sicht von Eltern, Freunden und den Tätern geschildert. Auf der Bühne sind Schlaf- und Wohnzimmer, Club und Straße ausschnittweise nachgebaut, um vom Ensemble bespielt zu werden, während auf einer Leinwand dieselben Szenen in leicht abgeänderter Form projektiert werden. Gleichzeitig sprechen die Darsteller direkt in die Kamera. Hier bleibt Theater als Theater, Film als Film immer erkennbar. Das löst aber weniger Befremden aus, als dass die Form eine besondere Nähe zu den Figuren schafft. Das Intime zwischen Vater und Mutter, die über ihren Sohn Ihsane Jarfi sprechen, wird überzeugender, gerade weil sie nackt nebeneinander auf zwei Stühlen sitzen, während auf der Leinwand die Schlafzimmersituation im Bett gezeigt wird. Die zuvor von den Schauspielern selbst gesetzte Grenze des Nicht-Darstellbaren – nackt zu sein – wird von den Figuren negiert. Man nimmt sie plötzlich als eigenständig wahr.

Das Unmittelbare trifft auch auf die anderen Szenen zu, als Ihsane im Club einen jungen Mann kennenlernt oder als die Täter auf dem Sofa gammeln, der eine gelangweilt und prügelnd in ein Egoshooter-Spiel vertieft, der andere eine Frau begrabschend. Dass Intimes und Unangenehmes im Theater gezeigt, gesehen, aber letztlich nur gespielt wird, erreicht in solchen realen Fällen immer die Grenzen des Darstellbaren. Doch das teils triste, teils familiär-geborgene Umfeld von Ihsane wird in der kurzen Zeit der Theateraufführung spürbar. Filmaufnahmen zwischen den Akten von Lüttichs Industriewerken, Straßen und Häusern evozieren das dortiges Leben.

Als Ishane dann nachts in den Wagen von Fremden einsteigt, gefesselt und geschlagen wird, kommt es zum kritischsten Punkt des Stücks. Wie lässt sich ein realer Gewaltakt fiktiv im Theater wiederholen? Nackt, nass und blutbeschmiert liegt der Körper von Ihsane auf der Bühne. Teils schockierend authentisch, teils hölzern gestellt wirkt die Schlägerei; und man erinnert sich an das Casting zu Beginn, bei dem die Faustschläge mehr schlecht als recht geprobt wurden. Hier ist nichts real, denn weder Theater noch Film können sich anmaßen, Gewalt als Illusion zu verkaufen und passiv vom Publikum konsumiert zu werden. Ein richtiger Gedanke, klug und eindringlich umgesetzt.

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