„Schauspieler ist ein Beruf wie jeder andere“

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Er ist groß, schlank, athletisch, hat blondes Haar und stechend blaue Augen – die Idealbesetzung für einen Dorian Gray? Am Münchner Volkstheater feierte Oleg Tikhomirov, 29, die Premiere der Oscar Wilde-Bühnenadaption in der Titelrolle. Dorian Gray – ein junger Ästhet, dessen Anblick die Gesellschaft um ihn herum verblendet, einer, der seine jugendliche Schönheit in einem Gemälde verewigen lässt und erst zu spät bemerkt, wie das Gemälde zum Spiegel seiner Sünden verfällt. Ein Gespräch über Schönheit, das Abgründige im Menschen und darüber, warum Oleg Tikhomirov sich nicht als Künstler versteht.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Herr Tikhomirov, ein morgendlicher Blick in den Spiegel – was denken Sie?

Morgens guck ich sehr wenig in den Spiegel. Aber in dem Jahr, das ich jetzt am Theater bin, merke ich durch den ganzen Stress eine körperliche Erschöpfung. Vor allem in der Endprobenzeit höre ich immer, wie stark ich abgenommen hätte.

Der Spiegel als Bild unseres Äußeren erinnert an das „Dorian Gray“-Motiv der Oberflächlichkeit. Wie wichtig ist Aussehen für Ihre Arbeit als Schauspieler?

Schauspieler vermarkten sich. Vor allem in der Filmbranche erlebe ich, wie Leute an Jobs kommen, indem sie ein perfektes Bild ihrer selbst erstellen. Das wäre zumindest meine Beobachtung. Mittlerweile ist das fast Pflichtprogramm geworden, dass du von dir selbst ein Abbild kreierst. Weil du weißt, dass die Leute darauf zugreifen. Das ist zuweilen nervig.

Nervig, aber notwendig? Sie nutzen Instagram ebenfalls.

Es ist tatsächlich so, dass du dich medial inszenieren musst, weil du darauf basierend Jobangebote bekommst oder im Gedächtnis der Leute bleibst, die dafür zuständig sind, dass du Arbeit kriegst. Ich würde viel lieber Katzenbilder posten. Man ist darauf bedacht, dass das Bild, das öffentlich wird, perfekt ist. Es ist die Inszenierung eines arbeitenden, zuverlässigen, gleichzeitig kreativen Menschen.

Bei Dorian Gray drängt sich die Parallele zum gegenwärtigen Selfie-Kult und dem Schönheits- und Optimierungswahn förmlich auf. Der Regisseur Abdullah Kenan Karaca hat auf jeglichen aktuellen Bezug verzichtet. Warum?  

Wir haben das nie thematisiert. Theater ist für mich immer aktuell. Ich hätte es platt gefunden, Dorian Gray als Selfie-König zu inszenieren. Mit Profilbild statt Gemälde und ganz vielen Likes. Dann ist das Stück eben lustig, aber nicht mehr. Ich finde es schöner, wenn diese aktuelle Thematik mitschwingt, der Zuschauer die Parallele aber selbst entdecken kann.

Lesen Sie Kritiken?

Mal so, mal so. Für mich ist es ungesund, Kritiken zu lesen. Wenn man eine gute hat, suhlt man sich in Egozentrik. Gute Kritiken verpuffen allerdings nach einem Tag und sind schnell wieder vergessen. Bei einer schlechten Kritik leidet man Wochen.

Schlechte Kritiken bedeuten aber nicht, dass keiner mehr das Stück sehen will. Im Gegenteil, gerade wenn das Stück negativ kritisiert wird, schürt es oft umso mehr Interesse.

Letztlich ist es insofern ganz schön, um ein Feedback vorab zu bekommen. Intern ist man völlig in dem Stück versunken und man bekommt nicht oft einen Blick von außen. Nach einer Premiere begegnet einem  das Publikum, aber auf der Premieren-Party kommt keiner zu dir her und sagt dir, dass das Stück eben richtig kacke war. Das richtige und einzig wichtige Feedback kommt dann mit den Vorstellungen und dem Gefühl, was sich zwischen Publikum und SpielerInnen einstellt – oder auch nicht.

Wie fühlen Sie sich nach einer Premiere?

Mit der Premiere überwindet man einen riesigen Berg. Danach ist die Energie bei mir erst mal etwas unten, vor allem, wenn ich weiß, dass am nächsten Tag gleich die nächste Vorstellung ansteht. Ich trinke ein paar Bier, gehe dann heim, schlafe und konzentriere mich auf den nächsten Abend. Vor Dorian Gray war ich wahnsinnig nervös. Gerade auch, weil man damit Schönheit und Aussehen verbindet. Mit dem Namen können sehr viele Leute etwas anfangen. Dann tritt man auf und alle denken sich: „Hm. So habe ich mir den nicht vorgestellt.“ Man kann eigentlich nur verlieren.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf – wie konnten Sie sich da auf die Rolle vorbereiten?

Wir hatten nur fünf Wochen Zeit, was sehr schade war. Das ist keine Kritik am Stück, sondern an der Theaterarbeit generell. Wir brauchen mehr Zeit. Zeit, um auf den Proben zueinander zu finden, auszuprobieren, Technisches zu installieren, Text zu lernen. Das Gute am Theater: Man hat immer wieder die Chance, die Stücke erneut zu spielen. Dorian Gray kommt aus einer Gesellschaft, die eine spezielle Art, sich zu benehmen, mitbringt. Er merkt, er hat etwas in sich, was er gern ausleben möchte. Ein Verlangen, was jeder in sich spürt. Auch ich begebe mich gern und manchmal mit Absicht an Orte, die spannende Energien haben.

Welche Orte?

Moskaus 3-Bahnhofs-Viertel zum Beispiel. Obdachlose, Kriegsveteranen, Drogenabhängige. Das ist der Bereich, in dem ich auch Dorian verorte. Ich stelle mir vor, wie er sich einen dunklen Mantel überstreift und in die Welt des Abgründigen eintaucht, in irgendwelche Spelunken. Jeder hat Interesse an diesen Grenzbereichen. Weil sie aus dem Normalen rausfallen. Und Dorian lebt diesen Reiz aus. Das Problem ist nur, dass er dabei Leute verletzt und zerstört.

Sibyl Vane zum Beispiel, die Schauspielerin, in die sich Dorian verliebt und die ihm schließlich verfällt. An einer Stelle im Stück fällt der Satz, sie sei nichts ohne ihre Kunst. Was würden Sie als Schauspieler auf solche Worte erwidern?

Ich würde sagen, dass ich keine Kunst mache.

Schauspiel ist keine Kunst für Sie?

Es ist in erster Linie ein Beruf und ein Handwerk. Ich probe sechs Wochen oder weniger und bin da jeden Tag. Das ist Arbeit. Erfolgreiche Schauspieler sind die, die extrem viel an ihrem Handwerk arbeiten.

Welche Rolle spielt Talent?

Leute, die keinesfalls auf der Bühne stehen wollen, werden auch keine Schauspieler. Es gibt Neigungen. Bereiche, in denen man gut werden könnte. Aber ich weigere mich zu sagen, dass man talentiert geboren wird. Man kann sich alles erarbeiten. Ich könnte theoretisch immer noch Raumschiffpilot werden. Zwar mit sehr, sehr viel Arbeit, aber ich könnte es tun. Zu sagen, Schauspiel ist keine Kunst, gibt mir mehr Sicherheit. Weil ich weiß, je mehr Arbeit ich investiere, desto mehr profitiere ich davon. Ein Kommilitone an der Schauspielschule hat mal gesagt, es gibt keine schlechten Vorstellungen, nur unkonzentrierte. Und er hat vollkommen recht. Wenn man das macht, was man braucht, um gut zu sein, kann nicht so viel schief gehen.

Was brauchen Sie, um gut zu sein?

Ich muss eineinhalb Stunden vor der Vorführung da sein, mich aufwärmen, mich auf den Abend vorbereiten.

Mit Ihnen in der Hauptrolle hat Abdullah Kenan Karaca auf eine sehr klassische Besetzung des Dandys gesetzt. Allerdings könnte man auch einen Gegenentwurf wagen: Eine Rolle wie die des Dorian Grays mit jemanden besetzen, der keinem gesellschaftlichen Ideal entspricht?

Jeder kann Dorian Gray spielen. Aber die Tendenz, einen großen Blonden für diese Rolle zu besetzen, ist da. Ich würde mich von dieser Lesart des Schönen in der Gesellschaft distanzieren, in der sich Dorian Gray bewegt. Hier folgen alle nur einer bestimmten Meinung, die vorgibt, wer schön ist und wer nicht, und dieser Mensch wird gehyped, ohne seinen Status in Frage zu stellen. Das Schönheitsideal einer Gesellschaft ändert sich doch ohnehin über die Jahre.

Was bedeutet Schönheit für Sie?

Schönheit hat für mich mit Energie und Ausstrahlung zu tun. Und: Schönheit liegt auch immer im Auge des Betrachters. Das mag ein skurriles Beispiel sein, aber nehmen wir Gerhard Schröder: Ich hab früher in der Politik gearbeitet und war mit ihm mal auf derselben Veranstaltung. Er kam rein – begleitet von Bodyguards – und strahlte diese extreme Aura aus. Man spürte seine Anwesenheit in diesem Raum, ohne zu wissen, wo er ist. Schröder sieht ja nicht super gut aus. Schönheit kann es also nicht gewesen sein.

Politiker inszenieren sich aber auch stark, werden jahrelang beraten in ihrem öffentlichen Auftreten. Ist Aura etwas, was jeder lernen kann?

Bis zu einem gewissen Punkt kann man sich das antrainieren, ja. Wie spricht man? Wie positioniert man sich im Raum? Ich bin auch nicht mit der Mission geboren worden, Schauspieler zu werden. Auch ich musste und muss mir nach wie vor beibringen, wie ich Ausstrahlung auf der Bühne entwickle, um Leute von mir zu überzeugen.

Sie sagten, Sie hätten in der Politik gearbeitet. Wie kam das Theater ins Spiel?

Nach dem Abi habe ich „Arts and Culture“ in Maastricht studiert. Aber irgendetwas hat mir da gefehlt. Also bin ich nach einem Jahr nach Berlin gezogen und habe dort bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik gejobbt, mein Stiefvater arbeitete dort. Der Gedanke, Schauspieler zu werden, kam aus dem Nichts und brauchte erst mal eine Weile, um sich zu entwickeln.

Bei all den Rollen, die Sie jetzt spielen – wer ist Oleg Tikhomirov?

Ich kann mich schlecht selbst beschreiben, aber ich merke, wie mich das Theater verändert hat. Ich bin entspannter geworden, fühle mich weniger einem äußeren Druck ausgesetzt. Als Teenager war ich sehr von außen beeinflusst. Alle Rollen, die ich spiele, tragen eher dazu bei, mich als Person zu finden und zu definieren. Vielleicht ändert sich das aber mit wachsender Erfahrung.

Auch Dorian wird beeinflusst von Lord Henry, Dorian wiederum inspiriert den Maler Bazil Hallward. Inspiriert Sie jemand oder etwas?

Wenn ich Theaterstücke oder Filme ansehe, denke ich mir schon bei manchen Schauspielern, wie großartig sie sind und dass ich das auch gern so spielen würde.

Zum Beispiel?

Ryan Gosling ist für mich ein Typ, dem könnte ich sogar dabei zusehen, wie er einfach dasitzt, in die Ferne blickt und Käsebrot isst. Brad Pitt ist ähnlich. Seine Karriere und das, was er gemacht hat, ist extrem divers. Beim Theater bin ich totaler Fan von Michael Thalheimer und seinem Bühnenbildner Olaf Altmann. Das ist für mich ideales Theater. Ich sehe Figuren, die skurril wirken und eine große körperliche Energie erzeugen, gedanklich aber wahnsinnig klar sind in dem, was sie voneinander wollen. Auch Frank Castorf ist für mich in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Sein Theater geht durch die Decke. Die Schauspieler spielen sich die Seele aus dem Leib. Er bringt sie an einen Punkt der Verzweiflung, der es aber schafft, eine Emotionalität zu erzeugen, die ich auch gern erfahren würde.

Welche Rolle würden Sie spielen wollen?

Macbeth. Ich liebe dieses Stück. Es ist wahnsinnig spannend. Lady Macbeth macht im Prinzip dasselbe wie Lord Henry mit Dorian. Sie steuert ihn nicht fern, aber flüstert ihm folgenschwere Worte zu, die in ihm keimen und ihn immer tiefer in ihr gemeinsames Verderben stürzen. Das Schlimmste ist, dass er sich dem Ganzen bewusst ist. Bei Dorian funktioniert das subtiler, trotzdem ist er sich im Klaren, wohin ihn sein Treiben führen wird. Kein Mensch kann mit Schuld und Verbrechen leben. Für Jahre vielleicht verdrängen, aber irgendwann frisst dich das auf und spätestens auf dem Sterbebett holt es dich ein.

Fürchten Sie sich vor dem Alter?

Überhaupt nicht, nein. Ich merke nur, wie schnell die Zeit vergeht. Früher hab ich mir mein Leben immer so vorgestellt, mit 26 verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Jetzt bin ich 29. Das klingt jetzt blöd, aber man sollte wirklich die schönen Momente im Leben auskosten und genießen.