Lagerkoller

Frank Castorf inszeniert in München Leoš Janáčeks Oper „Aus einem Totenhaus“ als anachronistisches Chaos.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Nun also stürmt Frank Castorf schon wieder das letzte Refugium der Kunst: die Oper. Er lockert ihr eng geschnürtes, künstlerisches Korsett. Das Chaos tobt in Leoš Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ an der Bayerischen Staatsoper in München.

Das Werk, perfekt für Castorf – eigentlich. Lieferte die literarische Vorlage doch der von ihm so offensiv verehrte Fjodor Dostojewski. Er schrieb über das „Totenhaus“, über seine eigenen Erfahrungen im sibirischen Strafgefangenenlager. In München dreht sich träge der mehrstöckige Bretterpalast von Aleksandar Denić. Draußen patrouillieren die Wachleute, treiben die Insassen durch ein Schiebetor, hinein, hinaus. Das zaristische Lager als Gleichnisort. Der Mensch ist Vieh, vielleicht noch Menschenmasse. Nichts weiter als eine groteske Allegorie auf eine Gemeinschaft, die doch stets nichts anderes tut, als das Individuum zu unterdrücken.

Janáčeks erzählt in seiner letzter Oper, 1930 posthum aufgeführt, keine stringente Handlung mehr. Nur die Ankunft und Freilassung des Adligen Gorjančikov halten sie zusammen. Dazwischen flackern nur Schlaglichter des Erzählens auf. Ein quälendes, ein apathisches Oratorium der Geständnisse. Die Häftlinge beichten ihre Taten. Der eine mordete aus Eifersucht, der andere aus verletzter Ehre. Einer nach dem anderen tritt aus der Masse hervor, um gleich darauf wieder in ihr zu verschwinden.

Doch vor allem verschwinden sie unter der castorfschen Bilderflut. Diese ist so opulent und dicht, dass sie ausnahmslos alle Solisten überwältigt. Sie singen vergeblich an gegen sowjetischen Stummfilm und Video-Filmerei, tätowierte Lager-Prostituierte, Lenin-Büsten, zaristische Doppeladler, orthodoxe Kreuze und Zwiebeltürmchen, rezitierte Texte aus Dostojewskis „Böse Geister“ oder gegen Auschwitz-Stacheldraht. Und überall Leo Trotzki, Erfinder des sowjetischen Straflager-System, dem Gulag. Er taucht auf auf dem Plakat zum Trotzki-Film mit Alain Delon, Richard Burton und Romy Schneider. Immer wieder Anspielungen auf Mexiko, das Land, in das Trotzki floh: Rezitative aus dem Lukas-Evangelium auf Spanisch, ein rauschhafter Toten-Umzug in Skelett-Kostümen und Totenschädel-Masken. Der Stall mit den Kaninchen deutet auf Trotzkis Ende. Er soll als letztes seine Kaninchen gefüttert haben, bevor ihm sein Mörder einen Eispickel in den Kopf rammte. So wird die Hölle auf Erden zur kurzweiligen Castorf-Show.

Diese 100-minütige Materialschlacht tut nichts für die Oper, so wie sie sich Janáček einst gedacht hat. Darunter leiden nicht nur die Solisten, sondern auch das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Simone Young. Die pathoslose und ohnehin schon oft kammermusikalisch zurückgenommene Musik verkommt zur Klangkulisse. Man muss schon die Augen schließen, damit man hört. „Aus einem Totenhaus“ mutiert bei Castorf zur mehrschichtigen Collage. Das Straflager wird zum historischen Kontinuum – von der Zarenzeit bis zum Stalinismus, von Dostojewski bis Solschenizyn. Nur dass eben genau solche Straflager heute noch in Russland existieren, verschweigt Castorf. Bei ihm endet sowjetisch-russische Geschichte in den Neunzigerjahren, als sich Russland noch am Westen orientierte. Dazu dreht sich die Pepsi-Reklame auf der Bühne, ein wohl kaum beabsichtigtes Sinnbild für Castorfs politischen und damit auch künstlerischen Stillstand. Dabei müsste es einer wie er doch besser wissen.

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