Archaisches Kräftemessen

Eine Odyssee von Hamburg nach Berlin: Antú Romero Nunes ist mit seiner „Irrfahrt nach Homer“, so der Untertitel, zum Theatertreffen eingeladen.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Der Erzeuger kommt im Sarg nach Hause. Ein mythenschwerer Übervater, dem Homer 12.000 Hexameter widmete. Antú Romero Nunes erzählt in seiner „Irrfahrt nach Homer“ die Geschichten eines abwesenden Vaters aus der Sicht der Odysseus-Söhne Telemachos und Telegonos. Der eine Kind der treuen Ehefrau, der andere Sohn einer grausamen Zauberin. Thomas Niehaus und Paul Schröder geben die berühmten Halbbrüder der antiken Mythologie, deren Begegnung auf der Bühne von den sagenhaften Überlieferungen eher inspiriert als daran angelehnt ist.

 

Der Sarg des Odysseus – an dem sich die Brüder das erste Mal treffen – ist von Beginn an leer. Beinahe jedenfalls. Als sie den Deckel anheben, steigt ein weißer Luftballon mit einem Zettel daran auf. Die Seele des Mythenkriegers schafft es nicht weit – einer der Brüder schießt den Ballon kurzerhand mit der Pistole herunter. Im Kuvert steckt eine Botschaft: Ein Penis, gemalt auf ein weißes Din-A-4 Blatt. Der Rest des Abends ist ein kontinuierlicher Schwanzvergleich.

Wer rekapitulieren möchte, was in der „Odyssee“ im Einzelnen passiert, bleibt besser bei einer aktuellen Homer-Übersetzung. Oder sieht sich „Die Abenteuer des Odysseus“ in der 1950er-Jahre-Filmversion mit Kirk Douglas an. Die Hollywood-Legende hängt auch in Nunes dunkler Aussegnungshalle als leuchtendes, fast sakrales Bildnis im Fluchtpunkt der Bühne. Auf dieser kämpfen zwei große Jungs um die Gunst und Liebe des bereits toten Vaters. Der Bruderkampf vollzieht sich in irrwitzigen Dialogen einer Fantasiesprache – ein skandinavisches, doch meist verständliches Kauderwelsch. Jeder hat eine andere Version des toten Heldenvaters. Der eine sieht im Vater den brutalen Krieger, der andere den schöngeistigen Wanderer. Wie perfekte Komödianten nähern sie sich spielerisch an und stürzen sich dann in eine Verwandlungsorgie.

 

Das griechische Heldenepos ist an diesem Abend so gar nicht heroisch. Die Brüder verwandeln sich in Sumo-Ringer, der Rauch der Nebelmaschine wird zum Saunadampf. Der Sarg zur Badewanne und zur Szene einer schwulen Badeorgie, dann zum Zauberkasten und Verschwinde-Kabinett. Schlaglichtartig immer wieder Anspielungen auf die „Odyssee“. Telegonos tanzt halbnackt mit einer Schweinemaske auf dem Sarg – eine Anspielung auf Odysseus Liaison mit der Zauberin Kirke, die die Hälfte seiner Weggefährten in Schweine verwandelte und mit der er eben jenen Sohn zeugte. Nunes greift immer wieder Erzählungen des Epos auf, um sie sofort wieder fallen zu lassen. Seine Inszenierung rutscht hier in den Pathos und schickt dort die großen Gefühle zum Teufel.

 

Die vielen theatralen Mittel haben an diesem Abend große Wirkung. Er ist voll von Zaubertricks, Slapstick, Musik. Die Hammondorgel-Hymne „Gamle Man“ von Abba huldigt dem wegweisenden alten Mann. Zum pseudo-maskulinen Muskelspiel der Brüder im Dampfbad läuft die Austro-Pop-Band Bilderbuch. Zwischendurch Vivaldi. Und dann schmettern Niehaus und Schröder auf Altgriechisch ein Original der „Odyssee“. Die Schauspieler sind großartig, spielen sich und das Publikum geradezu um den Verstand. Aus den trauernden, verunsicherten Brüdern vom Anfang werden Wiedergänger des Zyklopen Polyphem, ein Vampir, Sumo-Ringer, ein griechischer Lustknabe in roten Shorts – und schließlich, nachdem sie ihr inneres Kind in den Selbstmord getrieben haben, zwei Monster, die den symbolischen Vatermord begehen. Mit Kettensägen zerteilen sie den Holzsarg und stürmen ins Publikum.

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