Kraft der Erzählung

1522771474_rueckkehr_nach_reims-1536.jpg

Thomas Ostermeiers Theater-Adaption von Didier Eribons autobiografischer Reflexion „Rückkehr nach Reims“ verzichtet auf dessen soziologische Verortung und vertraut allein auf das diskursive Potential der Anekdote.

Von Maximilian Sippenauer

Von Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer

Maximilian Sippenauer studierte in München und Paris Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaft. Daneben arbeitete er als Kulturjournalist bei dem Radiosender M94.5. Lebte und arbeitete anschließend in Berlin. Absolviert gerade den Ergänzungsstudiengang Theater- Film- und Fernsehkritik und schreibt daneben als freier Journalist (u.a. Spex, Süddeutsche Zeitung, Münchner Feuilleton).

Das Buch „Rückkehr nach Reims“ ist ein Hybrid. Genau wie sein Autor Didier Eribon, der zwischen den Schubladen Schriftsteller, öffentlicher Intellektueller und Akademiker nicht eindeutig verortbar ist. Seine literarische Rückkehr zu seinen Wurzeln im krassen französischem Arbeitermilieu ist  halb Autobiografie, halb soziologische Studie. Wie bringt man so ein komplexes Zwitterwesen auf die Bühne? Thomas Ostermeiers überraschende Antwort: als eine Inszenierung des Erzählens selbst.

Für einen solchen Ort des Erzählens verwandelt Ostermeier die Berliner Schaubühne in ein Tonstudio. Kein modernes mit High-Tech-Schnickschnack, sondern einer dieser eleganten, holzgetäfelten Klangpaläste aus den 1950ern. In der Mitte ein kleiner Tisch, zwei Hocker, ein Mikro, Filterkaffee blubbert durch eine alte Maschine und hinter einer Scheibe am rechten Bühnenrand sitzt die Aufnahmeleitung vor dem Mischpult. Auftritt Nina Hoss. Sie spielt die Schauspielerin Cathy, die zusammen mit dem Regisseur und dem Studiobetreuer, welche die meiste Zeit hinter dem schalldichten Glas sitzen, eine Verfilmung des Eribon-Textes overvoicen soll. Über der Bühne prangt eine Kinoleinwand. Dort flimmert der Film, über den Cathy in der Folge lange Passagen des Textes einspricht; langsam und sehr bedeutungsschwanger.

Die Rückkehr nach Reims beginnt mit der Rückkehr nach Reims oder, wie Eribon präzisiert, mit  dem Beginn des Prozesses einer Rückkehr. Wir reisen mit Eribon in den Grand Est, einer der strukturschwächsten Regionen Frankreichs und dort nach Reims oder besser in den schäbigen Vorstadtbezirk, in dem Eribon aufwuchs. Gleich zu Beginn dieser Rückkehr, die keine Heimkehr ist, macht Eribon eine Entdeckung: Über die Scham für seine Homosexualität, eine Scham, die ihn so viel Kraft gekostet, über die er so viel geschrieben und über die er persönlich wie gesellschaftlich reüssiert hat, muss er die Scham seiner Herkunft aus einer niederen Klasse komplett verdrängt haben.

Diese doppelte Scham diskutiert Eribon an der Figur seines Vaters. Der Person, die stets alles verkörperte, was er hasste. Ein homophober Choleriker, der vor den Augen seiner zwei jungen Buben und seiner Frau besoffen Flaschen, Gläser und Teller an die Wand warf, der über Schwuchteln herzog und sich hinter kommunistischer Phrasendrescherei versteckte. Ein Loser, der, wie Eribon aber rückblickend feststellt, nie wirklich die Chance hatte, etwas anderes zu sein als ein Verlierer. Ein tragisch Gefangener in einem perfiden System aus hoheln politischen Floskeln und kapitalistischer Ausbeutung. Eine eindrückliche Schilderung, die bis dahin aber keine wirklich neuen Blick auf das Arbeiterprekariat entwickelt.

Daran anschließend entwirft Eribon die gewagte These, wonach er seinen sozialen Aufstieg vor allem seiner Homosexualität zu verdanken hat. Erst sie zwang ihn zur rigorosen Abkehr von Elternhaus und Milieu und führte ihn in die geheimen Kreise der Schwulen, wo sich unter dem Vorzeichen der gemeinsamen sexuellen Gesinnung verschiedenste gesellschaftliche Schichten vermischten. Eribon deutet seine frührere sexuelle Scham als befreidende Kraft, während er die soziale Scham als einen Mechanismus charakterisiert, der entgegen dem marxistischen Denken die Menschen vor allem unten hält.

Eribon versucht nun, sich seiner sozialen Scham zu stellen. Von den persönlichen Erlebnissen aus seiner Kindheit und Jugend in armseligen Betonklötzen ausgehend umgreifen seine Reflexionen immer mehr die ganze Gewalt jenes Prekariats, das solche Gestalten wie seinen Vater bis heute formt. Er analysiert die strukturellen Bedingungen dieses Milieus wie den französischen Elitarismus oder das politische Versagen der Kommunisten als traditionelle Anwälte des arbeitenden Volkes und schafft damit unter anderem eine Erklärungsgrundlage dafür, dass die vergessenen Arbeiter-Kommunisten von damals heute dem Front National in die Arme laufen.

Auf der Leinwand sehen wir, wie Eribon nach Reims reist, wie er seine Mutter und die Umgebung seiner Kindheit aufsucht. Wir sehen Eribon als eloquenten Rhetoriker im Fernsehen und die sozialen Unruhen im Vorfeld der letzten Wahlen. Dann endlich gibt es einen Cut. Cathy unterbricht ihr Overvoicing, der gestresste Regisseur platzt ins Studio. Zeit ist Geld. Doch Cathy kann nicht anders. Sie verstehe seine Strichfassung nicht. Warum etwa dürfe sie nicht, wie Eribon schreibt, sagen, dass man hier beinahe eine Weltverschwörung im Gange glauben dürfte. Der Regisseur schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Weil es so etwas nicht gibt. Wie Eribon ja später selbst ausführe, gründet diese Situation nicht in einem Masterplan des Bösen, sondern in den Zwängen eines kapitalistischen Systems, das nur den belohne, der wachse. Die Interpretation des Regisseurs reibt sich an der Intuition der Sprecherin, und der Text wird langsam zum Ort des Konflikts.

Und das tut not, denn bis dahin ist Ostermeiers „Rückkehr nach Reims“ nicht mehr als eine konventionell illustrierte und komplett unkommentierte Lesung. Das ändert sich im zweiten Teil der Aufführung. Aber anstatt Eribons Denken direkt inhaltlich zu befragen, diskutiert es Ostermeier indirekt, indem er es in seiner formalen Gestalt als erzähltes Denken thematisiert. Hier im Tonstudio rückt das Erzählen selbst als prekärer Ort in den Mittelpunkt. So kann der Regisseur etwa den Studiobetreiber nicht zahlen und windet sich in lauter kleinen Lügen. Der Studiobetreiber  dagegen entpuppt sich als sozialkritischer Rapper, der aber mit Eribons Ausführungen so gut wie gar nichts   anzufangen weiß. Und Cathy hadert immer mehr mit dem Film, den sie zu dubben hat, weil sie darin ihre persönlichen Eindrücke so gar nicht wiederfindet. Allen sagt der Text etwas anderes.

Von hier aus erklärt sich langsam Ostermeiers radikalste dramaturgische Entscheidung. Denn in den Auszügen, die er aus „Rückkehr nach Reims“ lesen lässt, fehlen gänzlich dessen soziologische Passagen. Im Buch reflektiert Eribon seine Autobiografie mithilfe großer Namen wie Marx, Foucault oder Bordieu und entwirft daran anschließend seine eigene, persönliche Theorie systemischer Unterdrückung im heutigen Frankreich. Doch exakt diese persönliche Note, dieses gefährliche Spiel mit der vermeintlichen Evidenz der Anekdote machen Eribons Thesen angreifbar. Sein Text ist so stark mit subjektiven Gefühlseindrücken durchsetzt und emotional aufgeladen, dass seinen intellektuellen Folgerungen zumindest mit Vorsicht zu begegnen ist. Ostermeier hätte hier den essayistischen Teil selbst diskutieren und aufbrechen müssen. Mit seinen Strichen wählt er einen eleganteren Weg.

Ohne philosophischen Überbau lässt er den Film im Stück in Eribons dystopischer Gegenwartsbeschreibung und einer pathetisch untermalten Forderung nach einer neuen Linken schließen. Cathy liest zwar brav die Strichfassung des Regisseurs zu Ende, doch es ist ein Ende, das für sie unbefriedigend ist. Der Grund ist ihre eigene Geschichte, und diese beginnt Cathy nun dem Regisseur zu erzählen. Es ist die Geschichte ihres Vaters, die im Übrigen auf dem Leben von Nina Hoss realem Vater basiert, der ebenfalls aus einfachsten Verhältnissen kommt, der ebenfalls Kommunist war und in Fabriken arbeitete und der es dennoch schaffte, darüber nicht cholerisch und versoffen zu werden, sondern bis zum Schluss immer neue Wege suchte, die Welt ein Stück weit besser zu machen. Der Meistererzählung des systemischen Zwangs steht die Meistererzählung eines revolutionsfähigen Individuums entgegen. Thomas Ostermeier beschwört somit ein Theater, das auf die Kraft des Erzählen und auf die Kraft des Zuhörens vertraut. Eine bemerkenswerte Inszenierung in einer Theatersaison, in der mehr über als mit anderen gesprochen wurde.