Die menschlichen Grenzen des Universums

Yael Ronen inszeniert am Maxim Gorki Theater Berlin „A Walk on the Dark Side“ und trifft nicht gerade ins Schwarze (Loch).

Von Maike Müller

Von Maike Müller

Maike Müller

Maike Müller hat schon früh eine Leidenschaft für absurde Satzstrukturen und verzwickte Metaebenen entwickelt. Nach dem Abitur studierte sie darum Germanistik in Mannheim und Kanada. Nach einigen Ausflügen hinter den Theatervorhang wandte sie sich dann dem Schreiben und dem Studiengang "Theater-, Film- und Fernsehkritik" zu. Seitdem haut sie für die Cult, die Süddeutsche Zeitung und deren Digitale Ausgabe immer wieder in die Tasten.

Familientreffen sind oft langweilig, häufig schwierig, meist furchtbar. Man lobt sich gegenseitig, gibt ein bisschen mit den eigenen Erfolgen an, tut so, als gäbe man sich Rückhalt. Und manchmal eskaliert die Lage. Die Regisseurin Yael Ronen inszeniert solch ein Familientreffen, bei dem alles noch mehr aus dem Ruder läuft, als man anfänglich erwartet – die Komödie wird urplötzlich zur Tragödie. „A Walk on the Dark Side“ ist irgendetwas zwischen Naturwissenschaft, psychologischer Betrachtung und Kammerspiel. In all dieser Komplexität gewinnt die Vereinfachung, die bereits vor Beginn der eigentlichen Handlung angepriesen wird, die Überhand.

Die Inszenierung beginnt mit einem Ronen-typischen Intro: Der Wissenschaftler Immanuel hält einen Vortrag, springt von der Entstehung des Universums zu Dark Matter und Dark Energy und wieder zurück. Sein Bruder Mathias, selbst Wissenschaftler, rügt ihn: Das ist viel zu kompliziert. Es müsse anschaulich gemacht werden. Es selbst sei jetzt „Dark Energy“, Immanuel sei „Dark Matter“ und zusammen seien sie die „Dark Brothers“. Dann beginnt die Komödie: Die Brüder machen sich mit Anhang auf den Weg in die Uckermark, um dort Immanuels Nobelpreis zu feiern. Auf einer Bank spielen sie Auto, tun so, als würden sie fahren, während im Hintergrund das Video eine Straße zeigt. Es ist ein So-tun-als-ob-Theater, das Gesagtes mehrfach in Bild und Spiel spiegelt, keine neue Ebenen aufmacht und ebenso in einer Schul-Aula gespielt werden könnte.

Nach den anfänglich lustigen Streitigkeiten im Auto und den brüderlichen Schwanzvergleichen sieht sich vor allem Immanuel vor einem Problem: Mathias hat überraschend seine psychisch kranke Freundin mitgebracht und David, der dritte Bruder, der seit vielen Jahren von der Bildfläche verschwunden war, kündigt sich auch an. Der dritte, David, kennt alle Geheimnisse seiner Brüder, ist ihnen jahrelang „gefollowed“, ohne sie jemals kontaktiert zu haben. Das Drama beginnt.

Dieser dritte Bruder sei das schwarze Loch, kommentieren die anderen beiden nochmals aus der Vortragsperspektive. Kommt man also aus dem Theater und kennt sich mit Wissenschaft aus? Nein. Die wissenschaftliche Ebene ist nur der Ausgangspunkt, wird oberflächlich angewendet und außer in diesen beiden Situationen nicht angesprochen. David, der aus der Ferne alle – wie auch immer – überwacht hat und nun Geheimnisse auffliegen lässt, soll zwar Big Data und schwarzes Loch in einem sein, ist aber vor allem ein simpler Unruhestifter, der sich nach Rache sehnt. Denn dann geht es nur um eins: die Psyche.

David war „seltsam“, als er als unehelicher Sohn vom Vater mit zwölf Jahren in die Familie eingeführt wurde. Aufgezogen von ultraorthodoxen Juden, kam er mit dem Leben in der westlichen Welt nicht klar. Die Brüder mobbten ihn, brachten ihn sogar dazu, aus dem Fenster zu springen. Nach diesem Suizidversuch war David verschwunden, die „Dark Brothers“ trauten sich nicht danach zu fragen, wohin.

Wie bei einem Wellmade-Play werden dem Zuschauer häppchenweise neue Informationen zugeworfen, die immer aufs neue schockieren und provozieren sollen, allerdings sehr vorhersehbar sind. Während die Komödie nach und nach zum Psychothriller wird, lacht das Publikum immer verzweifelter über jeden platten Witz, der sich durch die textlastigen Dialoge bahnt. Obwohl gerade Dimitrij Schaad als Immanuel und Jonas Dassler als Mathias die brüderlichen Kämpfe mit viel Körpereinsatz – vor allem bei einem minutenlangen Tennisspiel mit unsichtbarem Ball – und Witz spielen, bleiben die Figuren in langen Zwiegesprächen flach und die Gespräche Provokationen, die ins Leere zielen.

Ronens Stück könnte man wohl gemütlich bei einem Bier wegkucken, um danach den Versuch, die vielen angerissenen Themen in Verbindung zu bringen, achselzuckend zu verwerfen. Die Psyche, Formeln und Gleichungen sind eben nicht vereinbar und psychische Krankheiten haben keine eindeutige Lösung oder Auslösung. Auch wenn Ronen in ihrem Stück eine klare Antwort auf die Schuldfrage findet. Nach und nach wird die Komplexität so herunter gebrochen – von den Weiten des Universums auf die Psyche und schließlich auf ein Individuum allein, das Schuld an allem Übel ist. Am Ende war dieses Familientreffen meist furchtbar für die Beteiligten, häufig schwierig und oft langweilig für die Zuschauer.

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