Ey, da gibt’s noch mehr!

Berliner Theatertreffen 2018: Zwei Stücke aus der Reihe „Shifting Perspectives“ – ein sehr genauer Blick aus Singapur und ein sehr ausschweifender aus Brasilien.

„Shifting Perspectives“ ist eine Gastspiel-Plattform im Rahmen des Berliner Theatertreffens. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut soll ein Blick über die Bühnen Deutschlands hinaus gewagt, ein anderer Blick auf die Welt eröffnet werden. Vor allem aber sollen die Stimmen derer gehört werden, auf die sonst häufig nur aus der Ferne geblickt wird und die auch auf dem Theatertreffen sonst kaum vertreten sind. Gruppen aus Israel, Kenia, Libanon, Südafrika, Brasilien und Singapur treten an, um daran etwas zu ändern. Zwei dieser Performances, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind „Solar: A Meltdown“ von Ho Rui An aus Singapur und „Preto“ von Marcio Abreu aus Brasilien.

Das Tropfen der Globalisierung

Von Maike Müller

Von Maike Müller

Maike Müller

Maike Müller hat schon früh eine Leidenschaft für absurde Satzstrukturen und verzwickte Metaebenen entwickelt. Nach dem Abitur studierte sie darum Germanistik in Mannheim und Kanada. Nach einigen Ausflügen hinter den Theatervorhang wandte sie sich dann dem Schreiben und dem Studiengang "Theater-, Film- und Fernsehkritik" zu. Seitdem haut sie für die Cult, die Süddeutsche Zeitung und deren Digitale Ausgabe immer wieder in die Tasten.

Was hat der schweißgebadete Rücken eines Anthropologen mit einer solarbetriebenen Winke-Queen gemeinsam? Die Antwort: Sonne. Und beide schwitzen nicht – beziehungsweise man sieht es nicht. Warum das so ist, weiß der Medienkünstler Ho Rui An in „Solar: A Meltdown“: Während die Kundschafter in Kolonien oft eher hinter der Kamera agierten und ihre Schweißperlen so auf den Bildern nicht sichtbar gewesen seien, träte die Queen bei den Besuchen ihrer Kolonien vor die Kamera. Aber die weiße Frau schwitze eben nicht. Wie sie das macht? So wie jene Figur der Queen, die der Künstler zufällig entdeckt hat: Sie fange die Sonne in ihrer Handtasche ein, setze die Energie in eine königliche Winkbewegung um und erzwinge so die globale Kommunikation.

Verwirrend? Ja. Verkaufen kann das nur einer, der auf der Bühne steht, als würde er gerade sein neues Start-Up im Silicon Valley pitchen. Die Lecture-Performance von Ho Rui An ist ein Stream-Of-Conciousness; mal absurd, mal erhellend. Er beginnt bei der verschwitzten Wachsfigur des Forschers Charles Le Roux im Amsterdamer Tropenmuseum, der den Medienkünstler zum Nachdenken anregte: Warum sieht man diese weißen Männer und Frauen in den Kolonien auf Originalaufnahmen und in Filmen eigentlich so gut wie nie schwitzen? Er springt beflissen von Fotos der Kolonialisten über Filmausschnitte aus „Der König und ich“ (1956) zum Schwingen eines Punkahs – ein Vorhang zum Fächern, der in den Häusern der Kolonialherren von Punkahwallahs handbetrieben wurde – über dem Publikum.

Auf der Leinwand blinkt es, Filmausschnitte wiederholen sich und, während Ho Rui An von Gedanke zu Gedanke, Symbol zu Symbol springt, verliert er den ein oder anderen gestresst schwitzenden Zuschauer. Viele der hergestellten Zusammenhänge sind intelligent und kreativ, andere erschließen sich wohl nur ihm. Den Zeigefinger erhebt er nicht. Stattdessen erklärt er die Rolle der Frau als ultimative Mutter der Globalisierung, die überall ein Heim aufbauen müsse, den Umgang mit der Kolonialzeit und dass die Einheimischen die Arbeit erledigten, während die Kolonialherren unter Fächern saßen. Seine Suche nach dem schweißtriefenden Körper ist eine größtenteils unterhaltsame Dekonstruktion, die allerdings einiges vermischt und bei einem durchaus arbeitenden Forscher beginnt und mit verwöhnten Kolonialherren und der Königin endet. Mit ihrer kommunikativen, globalen Funktion scheint er am Ende im Reinen – immerhin hat er es bei einem London-Besuch geschafft, das Winken der echten Queen zu erwidern.

Überall und Alles

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

„Preto“. Schwarz. Ein Titel, der Alles sagt und Nichts. Eine Umschreibung, die das große Ganze beinhalten kann, aber auch das Kleine, das Individuelle. Ein Performancename, der viel verspricht und noch mehr offenlässt. Eine Chance, um zu überraschen und zu überzeugen – wenn man sie ergreift. Das Kollektiv Companhia brasileira de teatro unter der Leitung des Regisseurs Marcio Abreu versammelt mit diesem Namen eine Reihe von Perspektiven, Meinungen, Ansätzen, Referenzen, denen ein solch unpräziser Titel scheinbar am ehesten gerecht wird: Die Schauspieler stellen existenzielle Fragen, was von einem Menschen bleibt, was er nie vergisst, was das Umfeld einen immer wieder spüren lässt. Die geschichtlichen, kulturellen, sozialen Rollen – gefühlt, gespürt, erlebt – in der Heimat des brasilianischen Kollektivs werden artikuliert. Klischees über den schwarzen Körper und das, was er vermeintlich gut kann, werden plakativ ausgestellt.

Diese Fragen, die reichen, um ganze Bibliotheken von möglichen Antworten zu evozieren, sind jedoch noch nicht genug für die Performer. Polizeigewalt gegen Schwarze wird in detaillierten szenischen Beschreibungen verhandelt. Anleihen aus Musik oder aus Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ sind zwischen die einzelnen Teile gewoben. Zusätzlich bewegt man sich auch schon mal ganz vom Titel weg und verhandelt noch zusätzlich die Gleichstellung von Frauen und Homosexuellen.

Dabei wird nicht nur inhaltlich, sondern auch darstellerisch aus dem Vollen geschöpft. Es wird geschrien und getanzt, wild im Kreis herumgerannt, zwei Schauspieler ziehen sich komplett aus. Das Kunstblut darf nicht fehlen, und am Rande der Bühne sitzt ein einzelner Musiker und klimpert auf seiner Gitarre. Natürlich gibt es Videoinstallationen. Vor Klischees gegenüber Performances hat man hier nun wirklich keine Angst, viel mehr werden sie mit Lust und ohne Scham eingesetzt.

Doch wie beim weitumfassenden Titel hätte man sich auch bei der Performance selbst trauen sollen zu kürzen, zu intensivieren, zu vertrauen – auf das einzelne Thema und seine Darstellung. Jede aufgeworfene Frage, jedes dargestellte Erlebnis, jedes gezeigt Gefühl in „Preto“ ist per se in seinem Dasein von äußerster Relevanz. Zusätzlich lockt die brasilianische Perspektive auf zukunftsweisende und verhandlungswürdige Fragestellungen. Hier wird das Durchdachte und Beobachtete jedoch für den großen Assoziationstrubel verschenkt.

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