Alle sind ersetzbar

Der Regisseur Philipp Arnold inszeniert „Tropfen auf heiße Steine“ am Deutschen Theater in Berlin und ist damit nach München zu Radikal jung eingeladen. Ein Gespräch über Rainer Werner Fassbinder, Spießigkeit und Anderssein.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Rainer Werner Fassbinder hat sein frühes Werk „Tropfen auf heiße Steine“ nie öffentlich inszeniert oder verfilmt. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Philipp Arnold: Da kann ich nur spekulieren – er war damals noch sehr jung und hatte vielleicht keine finanziellen Möglichkeiten. Er ist aber nicht bekannt als Künstler, der schnell aufgegeben hat. Schon in diesem frühen Stück liest man die Themen heraus, die sein gesamtes Schaffen geprägt haben. Versatzstücke davon tauchen zum Beispiel in „Faustrecht der Freiheit“ wieder auf, und thematisch hat er sich immer wieder mit Andersartigkeit, Homosexualität und Kleinbürgerlichkeit beschäftigt. Zum anderen nimmt das Stück seine Theatersprache voraus. Ausgeschmückte Charaktere mit einem großen psychologischen Unterbau sind die vier Figuren nicht. Es geht um die Art und Weise, wie sie miteinander sprechen und was wiederholt wird. Das Stück stellt Sprache als Kommunikationsmodell dar. Ich würde sagen, dass er das Stück weiterentwickelt hat, aufgegeben hat er es nicht.

Es gibt eine Adaption von dem französischen Filmemacher François Ozon, die deutlich in einer verkitschten Version der westdeutschen 1970er angesiedelt ist. Wo und wann spielt Ihre Inszenierung?

Wir wollten das Stück nicht in so einer Fassbinderwelt spielen lassen, sondern es frei von diesen Assoziationen zeigen. Die Inszenierung platziert die Figuren in einer sehr dunklen, unbekannten Welt, zeigt sie als durchnormierte Gestalten, die dieser fremden Welt entspringen, aus deren Normen sie vielleicht herausbrechen wollen, es aber nicht können. Zuschauer haben dies als ein Niemandsland oder als Stummfilmästhetik beschrieben. Für mich diente als Vorlage der Comic „Black Hole“ von Charles Burns. Dieser erzählt von einer Gruppe amerikanischer Teenager, die in den Sommerferien ihre Sexualität entdecken, dadurch deformiert werden und mit ihrem neuen Dasein hadern. So lese ich irgendwo auch das Stück: Fassbinders Figuren leben in einem gewissen System, welches sie formt und beeinflusst, gegen welches sie sich auflehnen, es aber nicht schaffen. Diese ästhetische Verfremdung steht dann für die Gesellschaft, in der die Figuren leben. Zusätzlich wurde während der Vorbereitungszeit zu der Inszenierung in den Medien diskutiert, dass sich die AfD im Theaterbetrieb einen positiveren Bezug zur deutschen Heimat wünscht – ob die Themen des Stückes die AfD jetzt so beglücken, bezweifelte ich und dachte mir: Gut, dann spielen wir das mal durch und zeigen uns so, wie diese Leute uns sehen.

Zu Beginn wird der jugendliche Franz vom deutlich älteren Leopold verführt. Ein halbes Jahr später landen die beiden in einer Kleinbürgerhölle: Franz als Hausfrau, Leopold als Hausherr. Können sich Zuschauer mit solchen antiquierten Rollenbildern noch identifizieren?

Diesen Bildern liegt ein gewisser Humor zu Grunde – Leopold und Franz verfallen in absolut heteronormative, spießige Rollen. Als ob es nur diesen einen Weg gäbe, eine Beziehung zu führen. Natürlich sind diese Bilder kitschig und daher auch nicht mehr aktuell – aber der zugrunde liegende Prozess, dass man eine Rolle annehmen muss, weil es von einem erwartet wird, das finde ich immer noch relevant. Daher geht es mir eher um den Prozess als um das Rollenbild. Das bringt durchaus eine Austauschbarkeit mit sich, was man dann im letzten Akt sieht. Diese Figuren haben ein großes Verlangen danach, geliebt zu werden oder Wärme zu empfinden, aber das ermöglichen diese Prozesse und deren Umgebung überhaupt nicht. Der Einzelne ist für das Gesamtbild wirklich egal – und das ist sehr heutig.

Was genau ist das Aktuelle an Fassbinders Drama?

Das Konsumverhalten der vier Figuren: Sie konsumieren sich nacheinander weg – ohne Rücksicht auf Verluste. Irgendwo wartet immer jemand Besseres. Das sehe ich in abgeschwächter Form um mich herum und auch in mir selber. Mich berühren in Fassbinders Filmen und in seinem Theater immer die, die zurückgelassen werden. Ich sehe bei ihnen oft eine Art stillen Protest, einen stummen Aufschrei; den Kampf, mit den Erwartungen der Anderen umzugehen, es aber einfach nicht zu schaffen. Die Entfremdung des Einzelnen, das Dasein als tatsächliche oder gefühlte Minderheit, das Anderssein als etwas Menschliches sind Themen, die ich in Fassbinders Werk wiederfinde. Gewiss kann man das Stück auch als etwas Antiquiertes lesen, aber das Verhalten dieser Figuren ist dem unseren nicht so fremd. Und dann finde ich es als homosexueller Mann auch gut, dass andere Sexualitäten in dem Stück als Normalität dargestellt werden. Dadurch kann man diese im Theater zeigen.

Leopold weiß die Autoritätslosigkeiten von seiner Ex-Frau, von Franz und seiner Freundin auszunutzen. Aber was genau sind deren Schwächen?

Als ich das Stück das erste Mal gelesen habe, dachte ich, dass Leopold eine Art Führerfigur ist, dass Fassbinder mit dem Stück sozusagen eine Parabel über den Nationalsozialismus erzählen will. Da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher. Man kann es so lesen: Franz, Anna und Vera kommen mit Leopold als Idee in Kontakt und verwerfen auf der Stelle alle Ideale und Verhaltensweisen, die zuvor ihr Leben bestimmt haben. Fassbinders erstes Stück „Nur eine Scheibe Brot“ thematisiert das Dritte Reich auch, und ich dachte, „Tropfen auf heiße Steine“ führt das fort. Wenn man Fassbinders Theatersprache als Kommunikationsmodell sieht, schwingt da noch etwas anderes mit. Das macht die Sprache an sich manipulativer und anfälliger für Machtmissbrauch. Aber da ist dann natürlich auch noch diese andere Ebene: die Triebe, die Leidenschaften, die tief in den Figuren verwurzelt sind und die sie selber gar nicht verstehen. Wenn das Unbegreifbare benutzt wird, dann wird man ausgespielt. Ich würde es aber keine Schwäche nennen, weil letztendlich wollen diese vier Figuren angenommen werden, wollen Liebe erfahren. Nur ist das in dem Spiel und in dem System gar nicht mehr möglich. Dass sie es weiter versuchen, ist eher eine Stärke.

Fassbinders Dramen enden häufig mit dem Tod oder in Gefangenschaft. Haben Sie den pessimistischen Ausgang übernommen oder etwas entgegengesetzt?

Da bin ich absolut auf Fassbinders Seite und sehe das ähnlich pessimistisch wie er. Auch optisch strotzt die Inszenierung nicht vor Lebensfreude. Wir sind sogar noch einen Schritt weitergegangen und lassen das Spiel zu Ende unseres Abends von vorne beginnen. Wir betonen nochmal, wie egal und auswechselbar der Einzelne ist – alle sind ersetzbar. Gegen das System kommen wir alleine leider nicht an. Das klingt jetzt natürlich sehr dramatisch – so schlimm ist es nicht. Aber trotzdem muss man auf sich und auf sein Herz aufpassen. Wenn man das nicht tut, dann endet es so wie im Stück.

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