Glücklich und dumm

Theaterkritik: In einer Welt ohne Bücher werden die Menschen zu Puppen ohne Emotion und Intellekt: Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ beim Theaterfestival Radikal jung am Münchner Volkstheater.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Bleichweiß sind ihre Haare, ihre Gesichter und ihre Kleidung. Leicht schwankend und doch versteift gestikulieren und bewegen sich die Figuren. Nicht einmal in die Augen sehen sie sich, wenn sie miteinander sprechen. Sie wirken wie Puppen, Roboter, Avatare oder Geister. Bewegungs- und Betonungsschwierigkeiten sind aber nicht die einzigen Probleme in dieser Dystopie.

In Ray Radburys „Fahrenheit 451“ werden alle Bücher vom Staat verboten und von der Feuerwehr verbrannt. Wissen wird geächtet, Denken verfolgt. Im Zentrum steht der Feuerwehrmann Guy Montag, der vom pflichtbewussten Staatsdiener zum zweifelnden Revolutionär wird. Seine Frau Mildred gibt sich dagegen der Betäubung durch Medikamente und interaktive TV-Shows hin.

Der Regisseur Wilke Weermann inszeniert diese Szene ironisch als Sitcom inklusive programmierten Lachern und Applaus. Hierfür müssen die Zuschauer seiner Inszenierung, die am Schauspiel Stuttgart entstanden ist, Kopfhörer aufsetzen. Leider wird das Potential mit den verschiedenen Hörräumen an diesem Abend im Münchner Volkstheater nur selten ausgenutzt. Meistens sind die live-sprechenden Schauspieler eins zu eins oder mit Musikuntermalung zu hören.

Trotzdem überzeugt Weermanns Konzept im Großen und Ganzen. Auf der Drehbühne befindet sich ein Pop-Art-Puppenhaus. Außen rußschwarz, innen bonbonbunt. Bemerkenswert ist, dass kein einziges Buch zu sehen ist. Auch nicht, wenn Montag eins heimlich stiehlt und wenn es öffentlich verbrannt wird. Die Abwesenheit der Bücher führt zu fehlenden Emotionen und Intellekt – eigentlich eine Schwäche im Theater. Bis Schluss halten die vier Darsteller vom Staatsschauspiel Stuttgart – Lea Beie, Laura Eichten, Jonas Grundner-Culeman und Dominik Weber – diese unheimliche Körpersprache durch. Und Weermann bleibt konsequent. Selbst seine eigene Ursachenanalyse ist durchdacht. Um Zeit zu Sparen, kam es zu Kürzungen, Zusammenfassungen, Stichworten, Wikipedia-Einträgen, beschleunigten Hörbüchern und theatralen Adaptionen. Das Stück problematisiert sich ehrlicherweise selbst, und deswegen kann es am Ende auch keine Büchermenschen geben, die das bedrohte Wissen versuchen zu bewahren. Wer hat denn heute die Zeit, einen Tolstoi auswendig zu lernen?!

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