Fragmente einer Vagabundin

„Bilder einer großen Liebe“: Birte Schnöink präsentiert beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater ein fragiles 70-minütiges Solo.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Als Wolfgang Herrndorf sich am 26. August 2013 am Ufer des Hohenzollernkanals erschoss, war seine Krebserkrankung so weit fortgeschritten, dass es keine Hoffnung mehr für ihn gab. In den letzten Monaten seines Lebens arbeitete er an Szenen zu einem neuen Roman, ohne die geringste Aussicht, ihn beenden zu können.

Dieses Manuskript wird sein Vermächtnis. Der Text erscheint nach seinem Tod in unvollendeter Form. Er sind Fragmente eines jungen Lebens, einer vagabundierenden Heldin. Isa ist ein vierzehnjähriges Mädchen, das barfuß durch Deutschland rennt, auf Müllhalden nach Essbarem sucht, im Freien schläft und manchmal Sätze sagt, die von einer alten Frau formuliert sein könnten, zum Beispiel: „Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker.“

Am Hamburger Thalia Theater hat Rosa Marie Tietjen drei Jahre nach Erscheinen das Romanfragment auf die Bühne gebracht: „Ein schwarzer Gedankenstrich, eine gelbe Schlange, ein rotes Dreieck. Mein Name“. Isa, gespielt von Birte Schnöink, ist eine kaum greifbare Figur auf einer ziellosen Reise. Eine Kindfrau. Zart, durchscheinend, eigenwillig. Schnöink spielt das seltsame Wesen als eine fragile Verrückte mit widersprüchlichen Gesichtern: klar und stark, flüchtig und zerbrechlich.

Der Bühnenraum zeigt keine der von Isa durchlebten Realitäten – Anstalt, Wald, Fluss, Autobahn, Friedhof. Der Trip spielt sich auf einer verwaisten Fläche ab. Scheinwerfer, Gitarre, Akkubohrer, Mikrofon, eine Nebel- und eine Windmaschine sind die Requisiten, mit denen Schnöink Szenen und Szenarien arrangiert. Traumwandlerisch hüpft, springt, schlendert sie über die Bühne. Dabei gelingt es Birte Schnöink als Isa, Herrscherin des Universums nicht immer, den Raum, den sie so leichtfüßig durchstreift, einzunehmen. Rau, flüssig geht ihr Herrndorfs Text von den Lippen. Und doch: Das Band, das die Fragmente im Roman so sacht und leicht zusammenhält, vermag sie nicht immer festzuhalten. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Natur – das Innigkeitsverhältnis des Mädchens mit den Sternen, dem Himmel – im  Roman das verbindende Element aller Episoden, in Tietjens Adaption kaum eine Rolle spielt.

Wenn Isa bei Herrndorf zwischen endlosen Parkplätzen und labyrinthischen Autobahnzubringern, in einer Nacht, in der die Pappelsamen sanft umherfliegen und der süße Duft der Lichtnelken strömt, in ihr Tagebuch schreibt: „Die Sterne wandern, und ich wandere auch“, dann empfindet man sofort die radikale Verlorenheit seiner Heldin. In Tietjens Inszenierung fehlt diese Radikalität. Dem von Schnöink gespielten infantilen Geschöpf, das über seine Zaubertricks staunt, gelingt nur manchmal die Gratwanderung zwischen Leichtsinn und der in der Romanvorlage alles begleitenden Schwermut.

Eine Isa-Zauberei ist das versöhnliche Schlussbild. Mit schwenkenden Armen dirigiert Isa das rückwärtige Eisentor in die Höhe. Wie von unsichtbaren Kräften angehoben, öffnet sich die hintere Bühnenwand. Herein kommen Figuren ihrer Fantasie und ihrer Erinnerung. Richtig wundern tut sie das nicht. „Es hätte mich eher gewundert, wenn es nicht passiert wäre“.

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