• Startseite
  • Theater
  • „Quoten funktionieren nicht. Man nimmt sich damit Freiheiten.“

„Quoten funktionieren nicht. Man nimmt sich damit Freiheiten.“

Kilian-Engels.jpeg

Kilian Engels leitet das Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater. Gemeinsam mit Annette Paulmann und C. Bernd Sucher kundschaftet er die junge Theaterszene aus. Ein Gespräch Talent, Hypes und Unabhängigkeit.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Herr Engels, woran erkennen Sie einen talentierten Regisseur?

Kilian Engels: Den „talentierten Regisseur“ gibt es ja so in der Form nicht. Er ist eine Konstruktion, eine Erfindung. Eine Projektion von jemandem, der auf der Suche ist nach einem talentierten Regisseur.

Anders gefragt: Wann laden Sie einen Regisseur zu Radikal jung ein?

Wen wir hier als talentierten Regisseur präsentieren, hängt stark zusammen mit der Wahrnehmung von uns drei Juroren. Annette Paulmann spricht immer von ihrem „Inneren Abonnenten“ und versucht bewusst, einfach zu schauen. Bernd Sucher hat den Publikumspreis-Instinkt. Er will, dass die Produktion, die er mitbringt, am Ende auch gewinnt.

Und wie ist das bei Ihnen?

Mich interessiert immer sehr das Konzept einer Arbeit. Natürlich achte ich auch darauf, wie etwas gemacht ist. Aber ich finde es sehr reizvoll, den Regiebegriff immer wieder neu zu diskutieren. Wenn es hinausgeht über: Gut erzählt, gut mit den Schauspielern gearbeitet, unterhält mich. Ich habe berufsbedingt gewisse Ermüdungserscheinungen, mir bestimmte Sachen anzusehen – große Klassiker zum Beispiel.

Dennoch haben Sie das Festival mit einem der Klassiker schlechthin eröffnet – Shakespeares Romeo und Julia“.

Bei Pinar Karabuluts Inszenierung ist es etwas anders. Wir haben eine ungeschriebene Tradition, dass wir Leute maximal dreimal einladen. Wir haben Pinar über die Jahre beobachtet: Ihre Zeit als Regie-Assistentin an einer kleinen Studiobühne in Köln, dann an einer großen Studiobühne in Dresden und jetzt die ganz große Bühne mit dem ganz großen Stoff. Wir schließen sozusagen den Kreis. Wahrscheinlich ist Pinar die momentan am höchsten gehandelte junge Frau im Betrieb.

Jemanden bei seiner künstlerischen Entwicklung zu begleiten, ist sicherlich spannend. Aber nimmt man zugleich damit nicht anderen die Chance?

Nein! Zwölf der 13 Regisseur*innen sind ja zum ersten Mal dabei. Und die Situation ist auch nicht so, dass wir mit uns hadern und fünf gute Produktionen nicht zeigen können, weil es noch fünf bessere gibt. Es gibt sehr viel Durchschnitt, der sich wiederum in zwei Phänomene aufteilt: Die einen reflektieren so stark über das Medium „Theater“, dass sie gar nichts Theatrales mehr zustande bringen vor lauter Reflexion. Die anderen, und die sind genauso schlimm, gehen völlig unreflektiert auf die Bühne. Zack Text, zack Schauspieler, fertig. Gerade in München bemerkt man eine gewisse Müdigkeit für Formexperimente. Idealerweise versuchen wir etwas zu finden, was zwischen diesen beiden Extremen liegt.

Acht von 13 Inszenierungen sind Arbeiten von Regisseurinnen. Sind Frauen momentan die besseren Theatermacher?

Das lässt sich schwer beantworten. Wir spiegeln ja immer nur eine Spielzeit und einen realen Markt. Es gab Jahrgänge, da haben die Akademien wesentlich mehr Frauen aufgenommen, und die sind auch in die Jobs reingekommen. Das sind auch die Jahre, in denen wir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen hatten oder mehr Frauen, so wie in diesem Jahr. Es gab aber auch Zeiten, in denen wir ehrlicherweise zu viele Männer dabei hatten. Wie es in den nächsten Jahren sein wird, kann ich nicht sagen.

An eine Quote haben Sie nie gedacht?

Quoten funktionieren nicht. Man nimmt sich damit Freiheiten. Klar, denke ich mir, dass es gut wäre, wenn sowohl Regisseure als auch Schauspieler einen gesellschaftlichen Proporz abbilden. Das kann man sich vornehmen, aber nicht um jeden Preis auch so machen. In erster Linie müssen die Produktionen mit ihrer Qualität auf dem Festival bestehen.

Um als junger Regisseur auf dem Theatermarkt bestehen zu können: Was muss man mitbringen, künstlerisch und persönlich?

Es liegt nie allein am Regisseur. Mit hinein spielt immer der Markt, spielen günstige Gelegenheiten, Hypes und mittlerweile auch Agenten. Wenn du nicht damit umgehen kannst, gerade gefragt zu sein und Sachen auch abzusagen, hast du verloren. Du musst mit Druck klarkommen. Du darfst dich aber auch nicht von dieser doch sehr engen Theaterwelt fangen lassen. Jemand, dem das meiner Meinung nach gelungen ist, ist Ersan Mondtag. Er hat sich frei gemacht, hatte in Frankfurt seine erste Ausstellung und inszeniert demnächst eine Oper. Er lässt sich nicht definieren, weil er sich in seinen Arbeiten nicht wiederholt.

Und Ersan Mondtag war zweimal bei Radikal jung. Ist das Festival eine Art Katalysator?

Wenn wir nur auf das letzte Jahr zurückblicken: Sowohl Nora Abdel-Maksoud als auch Florian Fischer wurden bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zur Nachwuchsregisseurin und zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt – natürlich durch das Gastspiel in München. Nora sicher auch über das Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Aber ich bin mir sicher, keiner der Kritiker hat Florians Arbeit in Gent gesehen, sondern erst bei Radikal jung. Sagen wir mal so: Wir leisten einen strukturellen Beitrag.

Einmal angestoßen, wie bleibt man erfolgreich?

Durch Aufmerksamkeit, aber dafür gibt es keine Strategie. Sicher ist nur, dass eine lange Strecke vor ihnen allen liegt. Im Grunde genommen ist das wie ein Marathonlauf. Man darf dabei nur eines nicht vergessen, dass wir immer noch über Menschen reden und eben nicht über Aktien.