Mehr als Quote

Beim Theaterfestival Radikal jung am Münchner Volkstheater sind mehr Regisseurinnen mit ihren Arbeiten vertreten als Regisseure. Was sagt das aus über das zukünftige Geschlechter-Verhältnis an deutschen Bühnen?

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Acht Frauen und fünf Männer. Endlich sind die Frauen in der Überzahl, rufen die einen. Kein Aufsehen nötig, die anderen. Lange waren Frauen in der Theaterregie die Minderheit – und sind es aktuellen Zahlen zufolge auch heute noch. Das Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater zeigt ein anderes Bild.

Radikal jung ist radikal und jung und seit vergangenem Jahr vor allem auch weiblich. Die Initiative Pro Quote-Bühne fordert 50 Prozent Frauenanteil in künstlerischen Theater-Ressorts. Das Münchner Theaterfestival für junge Regie 2018 präsentiert 61 Prozent. Acht von 13 eingeladenen Regisseuren und Regisseurinnen sind Frauen. In Anbetracht des Aufschreis nach Gleichberechtigung am Theater wie auch in allen anderen Branchen eine Zahl, die zufriedenstellen kann. Dabei hat Radikal jung seit Beginn im Jahr 2005 schon immer ein recht ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Regisseuren. Die diesjährige Zahl sollte daher nicht verwundern, wohl nicht einmal eine Nachricht wert sein.

Ein Blick in den Kulturbetrieb der letzten Jahrhunderte verrät allerdings ein deutlich abweichendes Bild von dem, wie wir es in dieser Woche zu sehen bekommen. Sowohl Theater- als auch Filmregie galt über Jahre als ein von Männern dominierter Beruf. Auch Komponisten, Maler, Bildhauer, Literaten, Dichter – sie alle waren männlich, bis auf wenige Ausnahmen. Das ist heute noch so. Zwar liefern jüngste Statistiken Zahlen, die eine steigende Tendenz während der vergangen 20 Jahre aufweisen, tatsächlich jedoch herrscht ein starkes Gefälle zwischen Männern und Frauen in Regie und Führungspositionen. Eine von Monika Grütters, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, in Auftrag gegebene und im Jahr 2016 veröffentlichte Studie über Frauen in Kultur und Medien ergab, dass etwa ein Drittel der Bühneninszenierungen an den Stadt- und Staatstheatern Deutschlands unter weiblicher Regie entstehen. Untersucht wurde der Zeitraum zwischen 1994 und 2014. In den Direktionen sah und sieht es ähnlich aus. Zur Spielzeit 2013/14 waren 22 Prozent der Intendanzen von Frauen besetzt, darunter zwei der großen deutschen Häuser wie das Maxim Gorki Theater unter Shermin Langhoff und das Deutsche Schauspielhaus Hamburg unter Karin Beier. Pınar Karabulut, die bereits zum dritten Mal als Regisseurin bei Radikal jung vertreten ist, fällte in einem Interview mit dem Kölner Kulturmagazin „Choices“ ein sehr bestimmtes Urteil über die Situation: „Das deutsche Theatersystem ist weiß, männlich, heterosexuell. Das ist schon ziemlich langweilig. Vor allem in der Leitungsetage sitzen linksliberale, weiße Männer mittleren Alters.“ Auch München brauche mehr „Pussypower“.

Ein Blick in die theater-, literatur- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten und Kunsthochschulen verrät wiederum eine Lage, die den Status Quo des Geschlechterverhältnisses am Theater kaum zu repräsentieren scheint. Viele junge Frauen schließen ihr Studium in einem dieser Bereiche ab. Mehr als Männer. Aus einigen von ihnen sind Teilnehmerinnen des Radikal-jung-Festivals geworden. Dass der weibliche Nachwuchs mindestens so stark wie der männliche vertreten ist, ist nichts Ungewöhnliches. Auffälliger wird eine Diskrepanz mit zunehmendem Alter der Regisseure und Regisseurinnen. Schnell führt dieser Diskurs zu einem komplexeren, übergeordneteren Thema: der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Theaterregie ist intensives, wochenlanges Proben, verbunden mit wechselnden Arbeitsorten. Eine Herausforderung, wenn Kinder ins Spiel kommen. Für Männer und Frauen gleichermaßen. Doch obwohl die ersten Weichen gestellt sind und unterstützende Maßnahmen für Eltern zwischen Kind und Job existieren, ist es bei Dreiviertel der Familien in Deutschland der Vater, der Vollzeit arbeitet, und die Mutter, die sich um die Kinderbetreuung kümmert und nur in Teilzeit beschäftigt ist. Zu diesem Ergebnis kommt der Väterreport der Bundesregierung aus dem Jahr 2016. Corinne Maier, die sich in ihrem Stück „Children of Tomorrow“ mit genau diesem Thema beschäftigt, berichtet von Kolleginnen, denen der Spagat durchaus gelinge. Allerdings nur mit starkem familiären Rückhalt. „Manchmal reisen Großmütter mit in die Städte und kümmern sich während der Proben um die Kinder. Aber dieselbe Herausforderung stellt sich ja Männern wie Frauen. Und das wird dann prekär, wenn der Partner keine sechs Wochen Full-Time auf das Kind aufpassen kann“, sagt Maier.

Jette Steckel, mehrfach eingeladen zu Radikal jung, als Nachwuchstalent gefeiert und inzwischen längst etabliert mit Inszenierungen in Hamburg, Berlin und Wien, hat zwei Kinder mit dem Schauspieler Hans Löw. In einem Interview mit dem „Zeit-Magazin“ erzählte sie: „Die Bedingungen am Theater sind für Frauen mit Kindern nicht einfach. Gerade im Regiefach.“ Während der Probenphasen sei es fast unmöglich, nebenbei noch einen normalen Alltag mit den Kindern zu erleben, sagt Steckel, die auch schon mal Aufträge deswegen absagen musste. „Theater ist Verabredung“, sagt sie. „Die kann man nicht einfach brechen.“

Die Fachzeitschrift „Theater heute“ stellte in einem umfassenden Bericht zum Thema weitere Gründe in den Fokus. Darunter die Schwierigkeit, sich in einem männlich dominierten Berufsfeld mit eigenen Stoffen und Inszenierungen durchzusetzen. Das Theater als institutioneller Teil einer Gesellschaft spiegelt letztlich auch deren Strukturen wider. Und die sind selbst im Jahr 2018 noch defizitärer, als der Schein vorgibt. Corinne Maier trifft es auf den Punkt: „Ich wünsche mir den Zeitpunkt herbei, an dem es normal sein wird oder auch normal sein sollte, dass so viele Frauen wie Männer inszenieren.“ Und ein Text wie dieser überflüssig wird.

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